Franz Nahrada

Auf dem Weg zum multimedialen Erzählen

Elektronischer Lexikon-Roman



Mit der Arbeit an einer elektronischen Version von Andreas Okopenkos "Lexikon-Roman" vertritt die Wiener Gruppe "Libraries Of The Mind" ihre Auffassung vom digitalen Gesamtkunstwerk. Im Vordergrund steht dabei nicht eine "virtuelle Realität", sondern die "digitale Leinwand": die durch den Computer gegebene Möglichkeit der Synthese traditioneller Kunstgattungen.


Ausgangspunkte

Die Gruppe "Libraries Of The Mind" ist ein lockerer Zusammenschluß von Programmierern, Computerkünstlern und Mediendesignern im Apple-Macintosh Bereich. Wie bei vielen anderen Gruppen und Firmen war der Ausgangspunkt der Zusammenarbeit die technische Möglichkeit und der Wunsch, Multimedia zu machen. Da "Multimedia" aber noch ein völlig neues Feld ist, das von vielen sehr verschieden definiert wird, stand gleich am Beginn des Wegs eine Alternative: entweder das kommerziell Akzeptable zu machen und sich mit Messeleitsystemen und Präsentationsshows zu beschäftigen oder den Weg eines experimentellen Projekts zu beschreiten, in dem die freie spielerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Computer als Medium im Vordergrund steht. Die Gruppe entschied sich für die zweite Möglichkeit und arbeitet seit mehr als einem Jahr als freies Forschungsprojekt im Bereich der Hypermedien.

Die Publikation und Präsentation der Ergebnisse soll in Form eines anschaulichen und benutzbaren Produkts erfolgen, das als "Work in Progress" über die Fähigkeiten des Computers als Informationsmedium Auskunft gibt - und damit vielleicht auch neue und unkonventionelle Informationsgestaltungsmöglichkeiten erschließt.

Bei der Wahl der Art von Information, die solchermaßen auf den Computer "transponiert" werden sollte, waren mehrere Kriterien zu berücksichtigen:


Lexikon-Roman

Die Wahl fiel schließlich auf ein Stück Gegenwartsliteratur, den "Lexikon-Roman" von Andreas Okopenko. Nicht nur, weil dieser Text alle genannten formalen Voraussetzungen mustergültig erfüllt und überdies eine sehr reizvolle inhaltliche Komponente hat; sondern auch und vor allem deswegen, weil zumindest nach Meinung der Gruppe der Österreicher Okopenko auf seine Art ein Hypertext-Pionier ist und sein Name durchaus in einem Atemzug mit Vannevar Bush, Douglas Engelbart und Ted Nelson genannt werden kann.

Der "Lexikon-Roman" von Andreas Okopenko wurde in den Jahren 1968-70 geschrieben. Wie vieles aus jener Zeit war auch Okopenkos Text ein Versuch, herkömmliche literarische Konventionen zu durchbrechen. Die Beschränkung auf eine lineare, durchgehende Erzählung erschien dem Autor nicht geeignet, das darzustellen, worauf es ihm ankam: ein Gefühl von unendlichen Möglichkeiten, Freiheitsgraden, Alternativen und subtilen Zusammenhängen, als das er die Welt wahrnehmen und schildern wollte.


Navigationskarte durch den Elektronischen Lexikon-Roman
© by Libraries of the Mind (1992-98)


Sein Held, ein Exportkaufmann, fährt an einem Vorsommertag auf einem Donauschiff zu einem Exporteurtreffen.

Die ungewohnte Muße läßt ihn beiläufig sein Leben reflektieren, andererseits die Schönheiten, Häßlichkeiten und Tiefen der Landschaft und die Schicksals-Spots der wahrgenommenen Menschen mit großer Intensität erfassen. So "fährt" er nicht nur entlang einer Hauptroute, sondern er "geht" auch gedankliche - scheinbar zufällige - Nebenwege über Zeiten, Personen, Orte, Dinge, Qualitäten, Fluida und Begriffe und erfährt so die vielfältige Vernetzung und Möglichkeiten-Struktur der Welt.

Das gedankliche Adventure bleibt gefahr- und folgenlos, hinterläßt aber einen tiefen Eindruck im Helden und wohl auch im Leser. - Vielfältig wie die Gegenstände sind auch die Erzählweisen: vom inneren Monolog des Kaufmanns über das Berichten des Autors bis zu kommentarlosen Dialogen und Gesprächsfetzen anderer, von der Darstellung des Akustischen über intensive Visualeindrücke bis zu Gaumen-, Haut und Nasenfreuden, vom Sprachexperimentellen über die Alltäglichkeit bis hin zum Dialekt.


Vom Hypertext...

Was den Lexikon-Roman selber wirklich zum literarischen Experiment macht, ist der Versuch, über das lineare Erzählen hinauszugehen und einen interaktiven Roman zu schreiben. Der Erzählstrang der Geschichte, insgesamt nicht länger als 30 Seiten, ist wie der Rest des Buches auf unzählige Artikelchen verteilt. Diese sind wie ein Lexikon aIphabetisch gereiht. Dies erlaubt dem Leser die freie Bewegung im Inhalt und im Nachvollzug der vom Autor gegebenen Hinweise die Re-Konstruktion jeweils einer aus einer fast unendlichen Vielfalt von Möglichkeiten.

Inhaltlich sinnvolle Assoziationen zur möglichen Fortsetzung, Reflexion, Relativierung oder Vertiefung des bereits im Lesen Aktualisierten werden durch Verweispfeile des Lexikons angedeutet, und der Leser kann diesen Assoziationen nachgehen, indem er das zugehörige Stichwort nachschlägt. So entsteht je nach Lust und Laune des Lesers jedesmal ein anderes Buch und kaum jemals dasselbe; obwohl die Handlung vorgegeben ist, ist sie nur der dünne Faden, an dem ein Mobile "von der Decke herabhängt, damit es in jedem Luftzittern mitlebt und wechselt."

Natürlich ist es beim heutigen Stand der Computertechnik noch einigermaßen frivol, summende Ventilatoren und flimmernde Bildschirme, in deren Nähe man sich zur Schonung von Augen, Nerven und Gesundheit besser nicht länger als unbedingt nötig aufhält, mit dem Leseerlebnis eines Buches zu vergleichen, das einen in die Badewanne genauso begleitet wie auf die Almhütte und das seine eigenen sinnlichen Qualitäten hat.

Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß das Buch diesen Vergleich nicht mehr allzulange für sich entscheiden wird können und daß aus der Flimmerkiste von heute das universelle Medium von morgen wird - irgendwann auch biegsam, handlich, leise, strahlungsfrei und wasserdicht, aber darüberhinaus eben viel mehr als das traditionelle Medium. Ein Aspekt dieses Vergleichs ist die Künstlichkeit, mit der in einem Buch ein Ausschnitt aus einem Wissensgebiet, ein Pfad durch eine Gedankenwelt, ein Schnitt durch ein lebendiges Ganzes quasi "festgefroren" wird. Vielleicht wird den Nachgeborenen die Geschwindigkeit, mit der heutzutage Bücheraufden Markt kommen und wieder verschwinden, das absurde Mißverhältnis zwischen einer immer mehr anschwellenden Informationsflut und dem Versuch, immer wieder einen neuen Ausschnitt davon zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und in immer kürzeren Zeitabständen zu verramschen, wie eine gewaltige Verschwendung vorkommen.

Die "Bücher", die sie haben werden, werden nichts als Projektionsflächen, Benutzerschnittstellen zu einem sich dahinter ständig vermehrenden Archiv menschlichen Wissens sein - und die Auswahl, der Pfad, den man wählt, wird so flexibel sein wie das literarische Mobile im Lexikon-Roman. Man wird alte Pfade speichern können, Lektüren beliebig wiederholen oder aber modifizieren können. Herkömmliche Trennungen wie die zwischen Literatur und Sachbuch werden vielleicht abgelöst durch viel aufregendere Gratwanderungen zwischen Realität und Imagination, durch die gesamten Bibliotheken des menschlichen Geistes auf einmal, in denen die Rolle des Autors vielleicht durch die des ReiseSührers abgelöst wird. tlnd statt der vielbeschworenen "virtuellen Realität" sind wir vielleicht mit einer Renaissance all jener Darstellungsweisen konfrontiert, mit denen Menschen seit jeher anderen die "Realität" oder ihr Erleben davon zugänglich gemacht haben, Literatur, Theater, Malerei, Musik, Photographie, Film, nur diesmal nicht als isolierte, treibhausmäßig perfektionierte "Kunst", sondern als jederzeit aktualisierbaren Bestandteil multimedialen Erzählens, verwoben zu einem ständig offenen und erweiterbaren Gesamtkunstwerk.

Die Gruppe "Libraries Of The Mind" und das Projekt "elektronischer Lexikon-Roman" siedeln sich genau an dieser Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft an. Zunächst sind zum erstenmal die Produktionsmittel verfügbar, um die Medien von morgen überhaupt realisieren zu können. Die technische Entwicklung, die man längst nicht mehr in Jahren, sondern nurmehr in Monaten beschreiben kann, hat alle Bestandteile der Medienzukunft von morgen zur Existenz gebracht, zwar immer noch in minderer Qualität, wenn man von der durchschnittlichen Anwendermaschine ausgeht, aber doch verfügbar, einsetzbar, ausprobierbar.

Entwicklerversionen und Prototypen neuer Medien lassen sich erfinden, bauen, testen. Probleme der Kombination von Medien, etwa von Text und Musik oder von Interaktivität und Video, lassen sich erforschen, um ansprechende und sinnvolle Lösungen zu finden, die auch die formalen Errungenschaften der Vergangenheit in die Zukunft hinüberretten sollen.

In diesem Sinn ist der "Lexikon-Roman" ein erster Anfang und ein Work-in-Progress, und in diesem Sinne mögen die näheren technischen Erläuterungen verstanden werden.

Die Grundidee des Lexikon-Romans ist HyperText, das assoziative, am Kontext orientierte Verknüpfen zweier Textstellen. War in Okopenkos literarischer Urversion die Möglichkeit des Abschweifens oder Weiterverfolgens der Handlung durch das Lexikonprinzipgegeben, so genügt im elektronische Lexikonroman ein Anklicken des mit einem Pfeil versehenen Stichworts, um sofort den zugehörigen Lexikonartikel aufdem Bildschirm zu haben.

Ermöglicht wird das durch die HyperText-Funktion von HyperCard 2.0, die die direkte Auswertung des angeklickten Textstrings erlaubt.

Im Unterschied zur Buchfassung benötigt der Leser freilich weder Lesezeichen noch ein Elefantengedächtnis, um den Überblick über seine assoziativen Sprünge zu behalten: seine momentane Position im Organisationsraster der Erzählung, der Reise, sieht er auf einer scrollenden Landkarte - und auf einer persönlichen Stichwortliste kann er seinen gesamten Benutzerpfad zurückverfolgen, um an einer früheren Abzweigung weiterzumachen oder zum Hauptstrang zurückzukehren.


...zur HyperMedia

Abgerundet wird diese gegenwärtige Fassung durch Illustrationen, die sich auf Wunsch oder per Mausklick ein- oder ausblenden lassen. Die Graphikerin Alfgard Kircher, die für die Bilder verantwortlich zeichnet, hat in ihrem persönlichen Stil den Okopenko-Text nachempfunden. Sie beschreibt den VorteiI der HyperText-Literatur so, daß sich dasselbe Buch beispielsweise von beliebig vielen Künstlern illustrieren und visuell interpretieren läßt.

Ist dies in groben Zügen eine Beschreibung der gegenwärtigen Demo-Version - etwa 5% des Buches sind derzeit digitalisiert -, so sollen künftige Versionen nicht nur den gesamten Textkorpus erfassen, sondern auch in zwei wesentlichen Bereichen Neuland erschließen:

Es ist erfreulich, daß parallel zum Versuch des Lexikon-Romans auch andere Autoren sich des Mittels Hypermedium bedienen, um diese Idee eines offenen Werks zu realisieren. So wird zum Beispiel der Wiener Franz Krahberger am 56. Weltkongreß des Internationalen P.E.N. einen "Kongreß Essay" realisieren, ein offenes interaktives Computer-Textwerk, das den Leser mittels Assoziationstechnik zum Mitautor macht. Okopenko hat ähnliches übrigens schon 1970 in der "Gebrauchsanweisung" zu seinem Roman folgendermaßen formuliert: "Die Dürftigkeit des Modells sehen Sie mir, bitte, nach. Geographisch wie psychologisch wie kombinatorisch könnte es ungleich reicher sein. Nehmen Sie das Prinzip für die Durchführung, denken Sie an den ersten Computer, erweitern Sie den Roman durch eigene Weiterverknüpfung an Reizwörter, am besten: schreiben Sie ein Buch, das meines in seiner Kleinheit festnagelt."

Eine Aufforderung, die die historische Schranke ebenso schön illustriert wie die Klarheit der Grundidee.


© 1991 by Franz Nahrada / Monitor


in: MONITOR 11/91 (Wien 1991)



ELEX Interview Kritik CD-ROM Lexikon-Sonate


Updated: 23 Dec 1998