Es fällt mir aus verschiedenen Gründen schwer, meine Erwartungen an ein "ideales" Printmedium für zeitgenössische Musik zu präzisieren, wie es von den Veranstaltern dieses Symposions angeregt wurde. Zum einen, weil ich als seinerzeitiger Redakteur der Zeitschrift ton mit der Trägheit des Produktions- und Vertriebsapparates schwer zu kämpfen hatte. Zum anderen, weil die Fülle der im deutschen Sprachraum existierenden, zum Teil hervorragenden Magazine in mir keineswegs den Wunsch nach einem neuen Blatt hervorruft. Es wäre dann doch nur wieder ein Printmedium, und von dessen Eigenheiten geprägt.
Dennoch möchte ich den Versuch unternehmen, meine persönliche Vorstellung einer imaginären Musikpostille in aller Knappheit darzustellen. Deren Formulierung mag vielleicht insofern utopischen Charakter besitzen, als sie noch nicht in der Praxis umgesetzt wurde - realisieren aber ließe sie sich, wie später zu zeigen ist, allemal - und das ohne allzu großen Aufwand.
Was mir jedoch vorschwebt, wäre ein Medium, dessen Inhalte nicht allein von einer Redaktion bestimmt werden, sondern auch von der nicht minder kompetenten Leserschaft. So könnte ein (Groß-)Teil der Ausgabe aus Beiträgen von Lesern stammen. Ein im wissenschaftlichen Bereich durchaus üblicher "call for papers" wäre hier sinngemäß zu adaptieren. Zu diskutieren wäre allenfalls der Modus der Selektion.
Parallel zum redaktionellen Teil wäre darüber hinaus ein ständiges Diskussionsforum einzurichten, das die Möglichkeit des nicht gegängelten öffentlichen Diskurses böte: eine permanente Kommentarschiene "online". Ein parallel zum "Forum" geführter autonomer Bereich, der sein eigenes Wucherleben führt und aus dem heraus sich Beiträge einer Folge-Nummer ableiten ließen.
Eine von Musikern und Komponisten getragene Auseinandersetzung der einander oft kraß widersprechenden ästhetischen Positionen und künstlerischen Ansätzen erscheint mir heute - im Zeichen des postmodernen Pluralismus - notwendiger denn je. Anstatt aber die verschiedensten Meinungen als beliebige Versatzstücke kritiklos nebeneinander zu präsentieren (wie es heute gerne geschieht - nicht nur in den Printmedien), könnte aus einem öffentlich geführtem Austrag der Gegensätze ein kreatives Spannungspotential freigesetzt werden. Wichtig erscheint mir aber auch, daß diese Auseinandersetzung nicht allein vom professionellen Feuilleton vollzogen wird, sondern vor allem unter Beteiligung der Künstler stattfindet.
Die multimediale Ausrichtung des World-Wide Web erlaubt die Verknüpfung von Texten, Graphiken, Photos und Klängen, wodurch beispielsweise klingende Musikbeispiele abgerufen werden können. Die darin zum Prinzip erhobene Hypertextualtität schließlich könnte zu einer neuen Art des vernetzten Schreibens (und Lesens) führen. Mittels Querverweisen (sog. links) ließen sich nicht nur keywords innerhalb einer "Forums"-Ausgabe aufrufen, sondern auch externe, irgendwo auf dem Globus befindliche Informationsquellen wie Spezialpublikationen (3), Software-Datenbanken (4), Musikarchive (5), Veranstaltungskalender (6), Komponisten- (7) und Verlagspräsentationen (sog. homepages), Musikinformationszentren (8), Forschungsinstitute (9), elektronische Studios (10), Veranstalter (11), Komponisten-Projekte (12) etc. Damit würde das "Forum" über seinen Horizont hinausweisen und dabei den eigenen Rahmen sprengen - es wäre nicht länger bloß nur eine etwas andere Musikzeitschrift, sondern ein Informationsknoten innerhalb eines offenen, globalen Netzwerkes.
Anmerkungen:
(1) Andreas Okopenko, Lexikon-Roman einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen nach Druden (Salzburg 1970). - Die elektronische Umsetzung als interaktive CD-ROM (mit Photos von Christa Kempinger, Graphiken von Alfgard Kircher und der Lexikon-Sonate von Karlheinz Essl) wurde 1991-95 von der interdisziplinären Künstlergruppe "Libraries of the Mind" durchgeführt.
(2) Theodor Holm Nelson, Literary Machines (Swarthmore/PA, self-published, 1970)
(4) International Computer Music Association
(5) Independent Underground Music Archive
(7) Homepage von Karlheinz Essl
(8) Canadian Composer's Portraits
(10) Center for Computer Research in Music and Acoustics (Stanford)
(11) The Kitchen (New York)
(12) Composer's Desktop Project
Vortrag, gehalten am 11.4.95 beim Symposion Printmedien und Musikjournalismus in Saalfelden/Salzburg.Erschienen in: Jazz, Neue Musik und Medien. Dokumentation Saalfeldner Musiktage, hrsg. von Gerhard Eder, Wolfgang Gratzer und Alfred Smudits (Saalfelden 1996) - ISBN: 3-901 690-001-8
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Updated: 12 Apr 2006