Karlheinz Essl

Portrait KHE

WebernUhrWerk

Algorithmic music for computer-controlled Carillon
2005 - 2015

Contemplating the anniversary of Anton Webern's death


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Anton Webern

Anton Webern, 1940 (Foto: Ludwig Zenk)
Originalabzug im Besitz von Karlheinz Essl

  Am 15. September 1945 wurde Anton Webern in Mittersill, wohin er sich vor der herannahenden Roten Armee geflüchtet hatte, von einem amerikanischen Besatzungssoldaten in vermeintlicher Notwehr erschossen. Damit endete das Leben eines der einflussreichsten Komponisten der Moderne auf unfassbare und tragische Weise.

60 Jahre später - am 15. September 2005 - fand im Rahmen des 10. Komponistenforums Mittersill eine Gedenkveranstaltung für Anton Webern statt. Aber 14 Uhr wurde der öffentliche Raum der Salzburger Kleinstadt mit musikalischen Aktionen der dort anwesenden KomponistInnen und MusikerInnen erfüllt.

Für diese Veranstaltung hat der österreichische Komponist Karlheinz Essl (der 1989 über das Das Synthese-Denkem bei Anton Webern promoviert hatte) seine Klanginstallation WebernUhrWerk geschaffen, die während der ganzen Aktion zu hören war und deren zeitlichen Ablauf wie ein Carillon markierte: Alle Viertelstunden erklang von einem hoch über der Stadt gelegenen Punkt eine kurze musikalische Phrase, die - von einem eigens dafür entwickelten Computerprogramm generiert - als musikalisches Glockengeläute vernehmbar sein wird: Totenglocken für Anton Webern...

Diese öffentliche Gedenkaktion findet alljährlich am 15. September in Mittersill statt. Da die Software ist seit Anfang September 2006 im Internet erhältlich ist und frei heruntergeladen werden kann, besteht die für jeden die Möglichkeit, seinem Webern-Gedenken Raum zu geben. Weltweit mag dieses WebernUhrWerk erklingen, wobei die verschiedensten Präsentationsformen denkbar sind: als subversive Aktion im öffentlichen Raum, in Form einer Installation oder im privaten Bereich.


Ausgangspunkt für diese Arbeit ist jene Zwölftonreihe, die Webern seinem in Enstehung begriffenen op. 32 (vermutlich einem Konzert) zugrunde gelegt hat:

In dieser höchst symmetrischen Reihe stößt Webern, wie Ernst Krenek 1968 angemerkt hatte (1), "bis an die Grenzen der dodekaphonen Möglichkeiten vor (...) - wir haben es hier mit einer Tonreihe zu tun, die lediglich aus vier Segmenten der chromatischen Tonleiter besteht. Webern hatte sich schon vorher bis zu dem Punkt gewagt, von dem es keine Umkehr gibt, und hier, am nicht vorzusehenden Ende seiner Laufbahn, nähert er sich wieder dieser äußersten Grenze".


user interface

WebernUhrWerk: Benutzeroberfläche
  In dem von Karlheinz Essl entwickelten Kompositionsalgorithmus (implementiert in der Programmiersprache Max/MSP unter Verwendung der Realtime Composition Library) wird diese Reihe als Steuermechanismus benutzt, um aus ihr selbst verschiedenste Varianten abzuleiten. Die Webern'sche Reihe fungiert zugleich als ihr eigenes Permutationsprogramm und wird dabei zum genetischen Code des Stückes. Der daraus gewonnene Notenfluss wird auf einen symmetrischen Zwölftonakkord projiziert, so dass jedem Reihenton eine definierte Tonhöhe (mit fixierter Oktavlage) zugewiesen wird:

Diesem völlig determiniertem Mechanismus der Tonhöhengenerierung wird ein zufallsbasierter Rhythmus-Generator zur Seite gestellt, der vier verschiedene Modelle - für jede Viertelstunde ein anderes - erzeugt:

listen... Ganze Stunde: komplexes Gefüge aus Akkorden, polyphonen Strukturen und Vorschlagsfiguren

listen... Viertel Stunde: schnelle Figuren

listen... Halbe Stunde: gemessene Akkorde - "wie Totenglocken"

listen... Dreiviertel Stunde: Durchdringung von Akkorden und raschen Figuren

Jedes dieser Modelle ist basiert auf einer genau ausbalancierten Wahrscheinlichkeitsverteilung, die einerseits eine wiedererkennbare charakteristische Gestalt erzeugt, gleichzeitig aber für ausreichende Variabilität und Überraschungen sorgt: Jedes Modell klingt anders, es gibt keine Wiederholungen.


Eine exakt notierte Ausarbeitung dieses Kompositionsalgorithmus fand seinen Niederschlag im WebernSpielWerk für Toy Piano, das von Isabel Ettenauer am Abend des 15. September 2005 in der St. Anna Kirche in Mittersill uraufgeführt wurde. Der durchdringende Charakter des Carillons, der am Nachmittag den ganzen Ort erfüllt hat, wird reduziert auf die "arme" Klangwelt eines Spielzeugklaviers, dessen durch angeschlagene Metallstäbe erzeugter Klang dem einer Glocke ähnelt - jedoch viel zurückhaltener und intimer ist.

Anmerkungen

(1): Anton von Webern: Sketches (1926 - 1945), hrsg. von Hans Moldenhauer, mit Kommentaren von Ernst Krenek. (Carl Fischer: New York, 1968)


Statements

Karlheinz Essl über die Bedeutung Anton Webern für seine kompositorische Entwicklung
Interview für Radio Ö1, 14. Januar 2014


Karlheinz Essl zur Entstehung des WebernUhrWerks
Haus der Musik, 10 Oktober 2013 (Wien)



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Updated: 29 Sep 2015