portrait animation

OUT OF THE BLUE

Karlheinz Essl im Gespräch mit Romain Versaevel über sein Improvisationsduo mit Agnes Heginger

Studio kHz, 28. April 2016


OUT OF THE BLUE


RV: Gestern trugen Sie klassische Kleider, aber im Programm des Konzertes tragen Sie ein T-Shirt (mit einer Zeichnung der Fibonacci-Spirale). Ist die Kleidung wichtig für Sie, wenn sie Konzerte machen?

KHE: Wir haben uns da schon etwas überlegt. Einige Tage vor dem Konzert hat mich Agnes Heginger gefragt: wie sollen wir uns anziehen? Und ich habe gesagt, ich komme ganz schwarz, weil es geht um die Nacht, und dann hat sie gesagt: wenn du in schwarz gehst, dann komme ich ganz in weiß, das wird die Polarität darstellen.

RV: Das Visuelle, das Aussehen ist also wichtig in Ihrer künstlichen Praxis?

KHE: Absolut. Ich glaube, das ist ein Teil der Performanz. Wenn man an der Bühne steht, ist man nicht privat. Ich würde nicht so spielen (zeigt Alltagskleidung). Ich habe das vielleicht früher gemacht, aber ich bin darauf gekommen, dass das stimmt nicht. Wenn ich im Studio bin oder Privat, dann kann ich so gehen, aber auch wenn ich unterrichte zum Beispiel, an der Universität, habe ich immer ein Sakko an, und bin immer schwarz gekleidet, und immer elegant. Das ist das Besondere: es ist nicht der normale Alltag, sondern... – heute ist das etwas anderes. Hier bin ich ganz leger, aber, wenn ich im Unterricht oder an der Universität bin, bin ich immer korrekt angezogen. Ich habe nie Krawatten, und ich trage selten Hemden, aber ich bin immer mit Sakko und schwarzen Jeans, und schwarzem T-Shirt. Es ist die Standardkleidung, die sieht immer gleich aus.

RV: Hat es Sie nicht gestört, Leute um Sie zu haben, die sich mit Fotoapparaten und Filmkameras bewegten und Lärm machten?

KHE: Nein, das waren meine Söhne, und sie sind sehr vorsichtig und sehr sensibel, und die machen das gut. Mich hat es nicht gestört. Es gibt Kameraleute, die stören mich unglaublich, weil sie einfach unsensibel sind und nicht aufpassen, aber die beiden haben das super gemacht. Ich weiß nicht, war das für das Publikum störend?

RV: Nicht für das Publikum, aber ich war einfach erstaunt, dass Sie nicht aussahen, als ob es sie stören würde.

KHE: Ich habe das fast nicht wahrgenommen. Und außerdem, weil das meine Söhne sind, ist das eine Vertrautheit, fast eine Freude, wenn sie da sind. Und sie machen das oft, und sie sind selber Musiker, und sie machen elektronische Musik, das heißt, sie wissen, wie das ist, wenn man spielt und singt. Sie sind sehr sensibel und vorsichtig.

RV: Wie sind die Texte für die Performance Oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm! ausgewählt worden?

KHE: In unserem Projekt OUT OF THE BLUE ist Agnes immer für die Texte zuständig, und ich für die Sounds. Das heißt, dass sie sich wirklich sehr intensiv mit Nietzsche beschäftigt. Das Ganze war übrigens eine Einladung zu einem internationalen Forschungsprojekt mit verschiedenen Wissenschaftlern und Künstlern, das wir letztes Jahr gemacht hatten in Wien. Ich habe gestern am Schluss noch etwas gesagt. Zwei Menschen waren im Publikum, die haben mich eingeladen da mitzumachen, und gesagt, dass sie etwas zu Nietzsche machen, und haben mich um einen Beitrag gebeten, und ich habe gesagt: das würde ich gerne machen, aber nur mit Agnes! Wir machen eine Textperformanz mit Musik. Und so ist die Agnes zu Nietzsche gekommen, von dem sie nicht so viel kannte, aber sie hat sich sehr intensiv damit beschäftigt, hat viel gelesen, und hat aus verschiedenen Aufzeichnungen, das heißt einerseits Gedichte, philosophische Texte, Tagebuchaufzeichnungen, und Briefe, und hat daraus eine Textmontage gemacht. Und dann hatte sie solche großen Pappendeckel, und hat dann drei Stücke für drei verschiedene Teile sozusagen, und hat dort diese Texte in Kopien aufgeklebt. Das war im Grunde eine Art von "Textpartitur". Aber die waren nicht so zu lesen, dass man sie von vorne nach hinten herunterliest, sondern das waren Patches, und sie hat damit improvisiert.

RV: Und ich vermute, dass es leichter ist, mit einem Text, den man kennt, zu improvisieren.

KHE: Ja, das ist toll. Die Agnes ist eigentlich eine Jazz-Sängerin, und sie macht auch viel freie Improvisationen ohne Text, nur mit der Stimme und allem möglichen, was mit der Stimme machen kann. Mit den Texten gibt es irgendwas, was einem ständig Material liefert und einen inspiriert. Und das funktioniert einfach extrem gut!

RV: Genauso wie Sie mit Ihrem Instrument, oder?

KHE: Genau. Aber ich arbeite auch im Grunde mit Samples, als Basis, die werden prozessiert und miteinander gemischt, und sie macht vielleicht etwas Ähnliches mit den Texten und mit der Stimme. Es ist eigentlich sehr ähnlich.


OUT OF THE BLUE: Oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm!
Essl Museum (Klosterneuburg) on April 27th, 2016
Video: Simon Essl


RV: Gestern habe ich Anklänge an "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauß gehört. Waren sie in Echtzeit geschaffen, oder hatten Sie Strukturgeneratoren vorbereitet, um sie leichter aufrufen zu können?

KHE: Ich habe aus dem Vorspiel, aus den ersten zwei Minuten bestimmte Teile gesampelt, und damit gearbeitet. Aber ich habe auch eine Art von Struktur vorbereitet, wie eine Szene oder ein Preset, wo für eine Situation, diese bestimmten Strukturgeneratoren, die ich im Stück verwende, in dem m@ze°2 mit den bestimmten Samples gefüttert sind und mit bestimmten Parametern für die Algorithmen, zum Beispiel Transpositionen, Harmonik..., betrifft, kombinierbar sind, und die müssen so angepasst werden, dass sie zum Beispiel harmonisch zusammenpassen. Und da muss ich einfach die Transpositionen genau einzustellen, und in der Granular-Synthese muss ich auch sagen, in welchem Bereich die stattfindet, und wie groß die Körner (also, die Grains) sind, und in welchem Bereich die sein können, und so weiter. Und das ist aber vordefiniert, in einer Art Pre-Set, und dann weiß ich, ich brauche nicht nachdenken über abstrakte Begreife wie Grain-size, sondern ich weiß einfach, wenn ich diesen Generatoren an der Stelle aufrufe, dann macht der Generator, was ich vorher schon quasi komponiert habe, und kann damit improvisieren.

RV: Machen Sie oft ein Gespräch am Ende der Konzerte? Und bleiben Sie oft nach der Vorstellung im Konzertsaal, um mit dem Publikum zu reden?

KHE: Das hängt vom Kontext ab. Es ist das erste Mal, dass ich danach spreche. Es war einfach deswegen, weil das Stück beginnt sozusagen wirklich aus dem Nichts, und man kann nicht am Anfang herausgehen und die Rolle beenden, sagen: ich bin jetzt der Veranstalter, und erzähle etwas über das Stück, und dann verändere ich die Rolle wieder, bin jetzt der Musiker. Das ist schwierig. Deswegen habe ich es gestern nachher gemacht. Normalerweise ist es so, dass am Anfang die Agnes als Schauspielerin so zu sagen das Publikum begrüßt, und den Leuten erklärt, was wir da machen. Das Publikum weiß nicht, was wir machen, glaubt vielleicht, dass wir vorbereitete Stücke spielen und führen einfach ein Programm. Und dann erklärt sie den Leuten, dass wir mit Texten arbeiten, und dass wir frei improvisieren, und dass wir nicht wissen, was dabei herauskommt. Und dann sind erst einmal alle total irritiert, oder gespannt, und wenn es dann beginnt, merken sie: oh, schön, ja, interessant, dann ist die Verbindung mit dem Publikum geschaffen.


Auszug aus Romain Versaevels Masterarbeit L’informatique dans la musique de Karlheinz Essl im Fach "Histoire, Philosophie et Didactique des Sciences" (Université Lyon, 2016)
Transkription: Jana Gulyas



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Updated: 30 Jan 2022

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