Karlheinz Essl

Portrait KHE

upward, behind the onstreaming it mooned

3rd string quartet
2001

Commissioned by the EOS Quartett (Vienna, Austria)


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The Hugo Wolf Quartet performing Karlheinz Essl's 3rd string quartet
Klosterneuburg, SCHÖMER-HAUS (A) - 12 Dec 2012



Karlheinz Essl
Anmerkungen zu meinem Dritten Streichquartett

In seiner Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius” berichtet der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges von einer fiktiven Kultur, deren Sprache keinerlei Hauptwörter kennt:

“Es gibt kein Wort, das dem Wort 'Mond' entspricht, aber es gibt ein Verbum, das im Lateinischen 'lunare' oder bei uns 'monden' lauten würde. Der Mond ging über dem Fluß auf lautet: blör u fang axaxcas mlö oder in genauer Wortfolge: 'Empor hinter dauer-fließen mondet'es (Xul Solar übersetzt in knapper Form: upa tras perfluyue lunó. Upward, behind the onstreaming it mooned).”

Einfachste Aussagen lassen sich in dieser Sprache nur durch komplizierte grammatikalische Konstruktionen ausdrücken, die jedoch voller Poesie und Zauber sind, wie im oben zitierten Beispiel, dem mein Quartett seinen Titel verdankt.

Das Streichquartett gilt seit jeher als Königsdisziplin der Komposition und Ort musikalischer Experimente: Vier gleichberechtigte Individuen – verkörpert durch vier Streichinstrumente – treten in einen musikalischen Diskurs, so, als würden hier “vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten”, wie Goethe einst anmerkte.

Was passiert aber, wenn diese (Klang)Sprache nicht mehr bedingungslos funktioniert, weil sie eines ihrer wesentlichsten Elemente – der Hauptworte – beraubt wurde? Diese paradoxe Frage faszinierte mich ungemein, als ich vor 10 Jahren begann, mein drittes Streichquartett zu komponieren. Ich verzichtete in diesem Stück auf melodischen Formulierungen, die – als Inbegriff des Thematischen – einst als die Substantive einer musikalischen Sprache fungierten.

Diese bewußt gewählte Einschränkung (die ich von dem französischen Dichter Georges Perec gelernt habe, der einen ganzen Roman ohne den Buchstaben ‘e’ geschrieben hat) empfand ich weniger als Zwang, sondern als Befreiung von gewissen musiksprachlichen Klischees, die der Gattung des Streichquartetts immer noch anhaften. In meiner kompositorischen Arbeit konzentrierte ich mich auf wenige Grundelemente: langgezogene Liegetöne, innerlich bewegte Texturen, Pulsationen und expressive Klangeruptionen. Wie ein Alchemist in seiner Hexenküche ließ ich daraus eine Vielzahl musikalischer Gestalten wuchern, die ich kunstvoll miteinander vernetzte, um damit ein Maximum an Expressivität und klangsinnlicher Intensität zu erzielen.

Karlheinz Essl (13. Oktober 2010)


Christian Baier
Zu Karlheinz Essls 3. Streichquartett

Die Auseinandersetzung mit dem Wesen des Streichquartetts ist für den 1960 in Wien geborenen Essl einer der roten Fäden, die sich durch sein Gesamtschaffen ziehen. Wenn er in seinem Streichquartett 1985 die Individualität der Einzelstimme abschaffte, sie in den Bereich des kaum noch Hörbaren drängte, um sie in "einen übergeordneten, kollektiven Zustand" übergehen zu lassen, so verschärfte und radikalisierte sich dieses Bestreben ein Jahr später im zweiten Streichquartett Helix 1.0, wenn er aus kleinsten musikalischen Bestandteilen (Molekülen vergleichbar) einen "künstlichen Organismus" aufbaut, "der sich gleichsam vor den Ohren der Hörer entfaltet, immer wieder in Frage stellt und immer wieder neu formuliert". Das diskursive Element, das tradierte Kommunikationsverhalten der vier Stimmen, fehlt in "Helix 1.0" vollkommen. Es ist dem Interesse des Komponisten gewichen, "in welcher Weise ein Mechanismus systembedingte Konflikte und Störungen verarbeiten und für sich nutzbar machen kann".

In den 14 Jahren, die zwischen dem zweiten und dritten Streichquartett liegen, hat sich Essls ästhetisches Spektrum geweitet. Sein Skeptizismus hat Inhalte geboren, in denen die Fragen das Erfragbare hinterfragt, um zu den eigentlichen Fragestellungen zu gelangen. Schon in den kompositorischen Anfängen des Schülers von Alfred Uhl und Friedrich Cerha wurde klar, daß für ihn nicht der Akt der Kreativität Kunst produziert, sondern die Kunst durch einen Akt der Verwirrung und Verstörung die eigentliche Kreativität freisetzt. Aufgabe der Kunst ist die Anregung ihrer Rezipienten, die Welt des Bestehenden, das Präfixierte und durch Traditionen oder durch Modediktate Determinierte zu hinterlauschen. Seine Beschäftigung mit der Synthese-Ideologie Anton Weberns, der auch seine musikwissenschaftliche Dissertation gewidmet ist, führte ihn zur Ansicht, daß Synthese - außerhalb des Gedankenkonstruktes der Dialektik - nicht zur Verschmelzung heterogener Elemente führen kann, sondern daß Synthese als möglicher Endpunkt eines sich verselbständigen Prozesses die Möglichkeit für den Rezipienten in sich birgt, das Gemeinsame im Trennenden und das Trennende im Gemeinsamen zu erkennen. Nicht einem tiefgreifenden Bedürfnis nach Harmonie, der sich alle kompositorischen Elemente schlußendlich unterzuordnen haben, folgen die Kompositionen Essls, wohl aber der Material-Poetik, die im Zusammentreffen heterogener Elemente sich selbst freisetzt.

Ausgehend von seinem 2000 im Wiener Konzerthaus uraufgeführten Improvisationsstück onwards für Klavier, Schlagzeug, Saxophon und Elektronik, greift Essl in seinem dritten Streichquartett auf die vier dort enthaltenen Typen des musikalischen Materials zurück. Die vier Schichten der Komposition beinhalten vier verschiedene klangliche Strukturtypen: "Drones" sind langgezogene, an- und abschwellende Töne, die mit wenig Fluktuation gespielt und bei Wiederholung nicht transponiert werden. Sie repräsentieren einen konstanten, homogenen Klangzustand. "Textur" sind innerlich bewegte, granulierte Klänge, die auf unterschiedlichste Weise gestaltet werden, "Punkte" schroffe, heterogene, expressive Gestalten, kurze Eruptionen, die von Pausen unterschiedlicher Länge durchbrochen werden. "Repetitionen" (Rhythmen, Pulsationen) stellen Klänge dar, die in verschiedenen Geschwindigkeiten innerhalb eines Rasters gespielt werden.

Für sein Werk greift Essl auf einen Gedanken von Jorge Luis Borges zurück. In dessen Erzählung "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius" wird eine uralte, sich schlußendlich als fiktiv erweisende Kultur beschrieben. Über ihre Sprache heißt es: "Die erschlossene Ursprache Tlöns, von der die heutigen Idiome und Dialekte herstammen, kennt keine Dingwörter; es gibt unpersönliche Verben, die durch einsilbe Suffixe (oder präfixe) adverbieller Art näher bestimmt werden. Zum Beispiel: es gibt kein Wort, das dem Wort 'Mond' entspricht, aber es gibt ein Verbum, das im Lateinischen 'lunare' oder bei uns 'monden' lauten würde. Der Mond ging über dem Fluß auf lautet: blör u fang axaxcas mlö oder in genauer Wortfolge: Empor hinter dauer-fließen mondet'es (Xul Solar übersetzt in knapper Form: upa tras perfluyue lunó. Upward, behind the onstreaming it mooned)."

Kann in "onwards" noch von vier Klangtypen gesprochen werden, die den Ausgangspunkt des improvisierten, innerhalb des vorgegebenen Zeitrasters ständig neu zu erfindenden Geschehens bilden, so stellen sich die vier Erscheinungsformen im 3. Streichquartett als vier Aggregatszustände des musikalischen Materials dar. Der von Borges beschriebenen Grammatik von Tlön folgend, befreit Essl das musikalische Ereignis von seinen semantischen Verbindlichkeiten. Er durchtrennt die Verbindungen zwischen den vier Erscheinungsformen des musikalischen Materials, sodaß die Aggregatszustände vorerst als vier Klangtypen erscheinen, bis im Verlauf der Komposition klar wird, daß sie nur Erscheinungsformen eines Materials sind.

Fehlen in einer Sprache die Substantive und die Verben, die auf persönliche (= individuelle) Aktion hinweisen, so können mittels einer solchen Sprache nur Feststellungen getroffen werden. Persönliche Mitteilungen sind unformulierbar. Gleichzeitig ergibt sich aus dem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten eine Poetik, die subkutane Inhalte vermittelt. Die Bedeutung einer Aussage wird vieldeutig, da durch das Fehlen von Substantiven und persönlichen Verben die zentrierende und einengende Gewichtung innerhalb eines Satzes wegfällt. Die Aussage gerät aus dem grammatikalischen Gleichgewicht und überantwortet sich der Vieldeutigkeit ihrer Bestandteile. Der Inhalt - die Deutungsmöglichkeit - überwuchert die Struktur. Sie kann keine Klarheit mehr schaffen, nicht mehr ordnend auf den Inhalt einwirken. Sie wird obsolet und löst sich auf. Der Inhalt wird seine eigene Form.

Fehlen der Sprache die persönlichen Verben, so ist es unmöglich, Aktion auszudrücken. Um diesen Mangel zu beheben, bedarf es im kommunikativen Verhalten einer nonverbalen Interaktion. In einer Musik, zwischen deren Elementen die Verbindlichkeit fehlt, tritt an ihre Stelle die Interaktion zwischen den Musikern. Ihr Reagieren aufeinander wird zur treibenden Kraft des Werkes und vermittelt zwischen den musikalischen Elementen. Der physische wie soziale Vorgang der Interpretation wird somit in das musikalische Geschehen involviert und mit ihm verschränkt.

Essls Operationen mit den vier Aggregatszuständen des musikalischen Materials ist - bedingt durch Borges - eine Zentrumslosigkeit eigen. Dies korrespondiert mit seiner Skepsis gegenüber der Synthese als Verschmelzung. Er geht den umgekehrten Weg, indem er nicht Synthese zum Ziel seiner Komposition erklärt, sondern sich von ihr wegbewegt. Bevor das Werk noch beginnt, also der erste Klang hörbar wird, befinden sich die Elemente der Komposition in einem Zustand der Synthese. Innerhalb der Komposition lösen sie diese Synthese auf, präsentieren sich als (keineswegs definitive) Erscheinungsformen eines Zustandes der vollkommenen Einheit, in dem sie sich einmal befunden haben. Sie vermitteln dem Zuhörer einen schwachen Abglanz des Zustandes, in dem sie sich einmal befunden haben. Synthese ist gedacht, kann aber nur als Erinnerung an sich hörbar gemacht werden.

Doch keine wehmütige Sehnsucht nach der nicht wiederherstellbaren synthetischen Harmonie wohnt dem dritten Streichquartett inne, sondern die Aufforderung, den heterogenen Zustand des Verbrüchlichen als kollektiven Aktionsradius anzunehmen, in dem Musik mit dem physischen Akt der Interpretation und der sozialen Interaktion der Interpreten verschmilzt.


Text für das Programmheft der Uraufführung im Wiener Konzerthaus durch das EOS Quartett (Wien) am 27. Mai 2001.



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Updated: 12 Dec 2012