Rainer Gottemeier / Karlheinz Essl

Rainer Gottemeier Portrait KHE


SEELEWASCHEN

generative sound environment for a light installation by Rainer Gottemeier
2003/2004

Commissioned by the NÖ Donaufestival 2004


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released April 2004


SEELEWASCHEN Korneuburg

© 2004 by Rainer Gottemeier


english

Landart version
Donaufestival (Alte Werft, Kornneuburg): April 2004

SEELEWASCHEN was composed for a light installation by Rainer Gottemeier which is swimming in a huge water bassin of a former shipyard. The environment is surrounded by 7 loudspeakers which are standing in wide distance from each other. Each loudspeaker is acting as an autonomous source playing pre-composed soundfiles and pause tracks in random order. By this, an unexpected sonic situation is created which never repeats itself and always appears in the state of flow and change.

The sound material for this piece was drawn from a single stroke of a church bell. By the aid of computer programs which the author has written in MaxMSP, three different structural types (DRONES, STROKES, TEXTURES) have been composed:

Pre-composed variants of those three sound structures and a set of carefully measured pauses are combined by chance operations which are carried out autonomously by each loudspeaker.


Indoor version
IRCAM (Paris): October 2004

SEELEWASCHEN („Purification de l’âme“) is a multi-channel sound environment which was originally composed by Karlheinz Essl for an outdoor light installation by the German artist Rainer Gottemeier. Using the sound of one single bell stroke as its basic material, the piece unfolds a rich sonic cosmos by a computer program written in Max/MSP. By using random-controlled algorithms from the composer's Realtime Composition Library (RTC-Lib), the piece is generated in realtime. It can be perceived as a sonic organism which might serve as a source for inspiration and meditation. For RESONANCE 2004, a new version of the original piece was created to be presented in a closed space.


Seelewaschen   Stillestillen   Sternetafeln


deutsch

Die äquatoriale Himmelsregion um das Sternbild - Hydra - (Wasserschlange) wird mit ihren Hauptsternen im ruhigen Wasser der Alten Werft Korneuburg als schwimmende Lichtinstallation punktuell verortet.

Siebenundzwanzig Neonstab-Bojen markieren sternengleich ein gespiegeltes Firmament: Ein pulsierendes Leuchtfeld auf schwankendem Grund. Ihre Reflexionen zeichnen beständig neue Bilder des Windes in den nachtschwarzen Seitenarm der Donau.

Die zwei Meter hohen Leuchtstäbe korrespondieren mit den Elementen Wind und Wasser in einem freien Spiel der Kräfte. Leichte Brisen zeichnen schriftähnliche Linien in die geriffelten Kapillarwellen. Die Intensitäten der „Leuchtschriften“ wechseln mit den Windstärken, ihren Böen und Teilwinden.

Das blaue Neonlicht variiert zwischen Dunkelheit und maximaler Leuchtkraft in einer Frequenz von acht Sekunden. Durch geringe Veränderungen der „Puls-Längen“ ergeben sich im bewegten Zusammenspiel der Leuchtstäbe rhythmische Überlagerungen.

Der Rhythmus, das Lebenselement des Wassers, wird im simultanisierenden Spiel der wogenden Elemente hervorgerufen. Der Betrachter ist Zeuge und Zentrum einer elementaren Poetik, die sich als ein koexistenzielles Ereignis erweist.

Die „seismographische“ Lichtmalerei visualisiert die Umwandlung von unsichtbaren Gestaltungskräften in ein bewegtes Bild, das sich selbst beschreibt.

Die gedehnte Langsamkeit der kartographischen Himmelslicht-Metapher versinnbildlicht ein pulsierendes Wachsen lebendiger Räume für ein schöpferisches Innehalten.

Zweiundsiebzig blitzende Signallicht-Bojen verkörpern die „Vollzähligkeit der Sterne“ im Firmament der Wasserschlange.

Blaue Kugelfender symbolisieren das Bestreben des Wassers, wo immer es auftritt, sich kugelförmig auszubilden. Sie stehen hier als Metapher für das „Blut der Erde“, das den Organismus unseres blauen Planeten bis in die feinsten Verästelungen durchzieht und mit der Atmosphäre im Austausch steht.

Die maritimen Objekte verschmelzen zu einem Gesamtorganismus aus Bewegung, Farbe, Klang und Licht. Die Natur- und angrenzenden Industrieräume der Alten Werft geraten scheinbar in Schwingung.

© 2003 by Rainer Gottemeier
In der aufgelassenen Korneuburger Werft sind sieben autonome Klangquellen in weitem Abstand voneinander positioniert: vier Lautsprecher beschallen einen für das Publikum zugänglichen Bereich am Ufer, zwei befinden sich weit entfernt jenseits des Hafenbeckens, und einer ist hoch über den Köpfen der ZuhörerInnen an einem Werftkran angebracht.

Die Komposition basiert ausschließlich auf dem Klang eines einzelnen Glockenschlages, der in drei verschiedenen Aggregatzuständen erscheint: langsam an- und abschwellende Klangflächen, die aus dem Spektrum des Glockenklanges abgeleitet sind; der Glockenschlag selbst mit langem Nachhall; und schließlich "zwitschernde" Klangkomplexe, die aus hohen Obertontranspositionen des Glockenklanges gewonnen wurden. Diese Klangaggregate wurden mit Hilfe eines selbstentwickelten Computerprogrammes generiert. Sie sind zusammen mit unterschiedlich langen Pausentracks auf einer CD gespeichert, die auf jeder der sieben Stationen im shuffle-Modus läuft. Dadurch ändert sich die Abfolge der einzelnen Tracks - und damit der Zusammenklang der sieben Quellen - ständig und erzeugt so unvorhersehbare klangliche Konstellationen und zeitliche Entwicklungen.

Die Klangaggregate sind in ein harmonisches Netz eingebunden, das den Klangraum des Enviroments absteckt und auf einer siebentönigen Allintervallreihe basiert. Durch die zufallsbedingten Überlagerungen der verschiedenen Klangquellen ergeben sich mannigfache harmonischen Zusammenklänge, die jedoch immer auf den virtueller siebentönigen Grundakkord bezogen sind. Zudem entstehen durch unterschiedlichen Positionen der Lautsprecher räumliche Beziehungen zwischen den Quellen, wobei witterungsbedingte Einflüsse wie Wind und Feuchtigkeit den Klang wie ein Filter beeinflussen können.

Allintervallreihe SEELEWASCHEN

So breitet sich vor den Ohren der BesucherInnen ein weitgespanntes Klangnetz aus, das Rainer Gottemeiers Lichtinstallation umhüllt und wie ein lebendiger Organismus ständigen Veränderungen unterworfen ist. Die Idee der "Läuterung" findet darin ebenso ihren Niederschlag wie Martin Heideggers oftmals beschworenes "Geläut der Stille".

© 2003 by Karlheinz Essl

Der Projekttitel - SEELEWASCHEN - fungiert als Irritation eines sich weitenden Raumes, er zielt auf den Gedanken einer Blutwäsche im Sinne von „Tabula Rasa“: Ästhetisches Dasein als Phänomen begreifen, welches die Dinge behutsam auslotet, bewohnte Räume neu erkundet -. Im griechischen Altertum sprach eine Metapher vom - unbeschreiblichen Lächeln des Meeres -, wenn etwas wieder gesehen oder mit neuen Augen betrachtet wurde.

SEELEWASCHEN steht für Kontemplation, gesteigerte Aufmerksamkeit, Reinigung und Stille. Der stille Puls von - SEELEWASCHEN - ruft das tiefe Gefühl einer Unmittelbarkeit hervor, das uns in die Nähe einer ungreifbaren Quelle führt. Die Seele als immaterielle Substanz ist phänomenologisch das Gegenteil von Mess- und Kontrollierbarem.

Im Eingangsbereich der Alten Werft empfängt den Besucher eine atmosphärenblaue Horizontale. Abgeleitete Begriffe ikonographischer Bildnisse sind als Neonschriften in die Stahlträger des Laufkrans integriert. STERNETAFELN - SEELEWASCHEN - STILLESTILLEN und eine lineare Kartographie der im Wasser verankerten Lichtinstallation geleiten den Betrachter in die offene Weite der Werftablaufbahnen.

Der Zuschauer passiert das - Atmosphärenblau - gleichsam wie einen lichthaltigen Durchgang. (Rainer Gottemeier)


Rainer Gottemeier (* 1949 in Berlin) lebt und arbeitet in Schönwalde/Berlin. Arbeitsstipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg 1998. Arbeiten an Lichtinstallationen, Kunst im öffentlichen Raum, Kunstbüchern - „Dichtungsregister“, Performances, Cameramusik: „Keim-Code“ Karlheinz Essl (* 1960 in Wien) studierte in Wien Komposition bei Friedrich Cerha sowie elektroakustische Musik und Kontrabass. 1997 wurde ihm im Rahmen der Salzburger Festspiele ein umfangreiches Komponistenportrait gewidmet, in den letzten Jahren rückte indessen seine improvisatorische Beschäftigung mit elektronischen Klängen – mittels selbstentwickelter m@ze°2-Software – in den Vordergrund.


Literatur

  txt   Musik und Traum
von Margarethe Engelhardt-Krajanek
in: Ö1 Radiokolleg 29.11. - 02.12.2004

  txt   Seelewaschen - eine aquatische Licht- und Klanginstallation
von Katrina Petter
in: Öffentliche Kunst. Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich, Band 8, hrsg. von Katharina Blaas-Pratscher (Springer Verlag: Wien & New York 2006)

  txt   KLANG•RÄUME - Musik ausserhalb des Konzertsaales
Karlheinz Essl im Gespräch mit Andreas Felber am 21.10.2005 in der Österreichischen Gesellschaft für Musik

  txt   Proliferationen eines kompositorischen Konzepts
in: Arbeit am musikalischen Werk. Zur Dynamik künstlerischen Handelns. = klang-reden. Schriften zur musikalischen Rezeptions- und Interpretationsgeschichte, hrsg. von Wolfgang Gratzer und Otto Neumaier, Bd. 9 (Rombach: Freiburg i.Br. 2013), p. 281 - 291.



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Updated: 4 Jan 2013