Karlheinz Essl

Portrait KHE

Proper Ties

generative sound environment for the cross-media installation
DOUBLE COATED IP CAPSULE by Guido Kucsko
2010


Tresor - Bank Austria Kunstforum

Bank Austria Kunstforum
10.-17.01.2011



Basics | Listen | Making of... | Noise/Voice | CD | Radio



A generative sound environment (written in MaxMSP) for the art installation DOUBLE COATED IP CAPSULE by Guido Kucsko, presented at the Kunstforum Bank Austria (Vienna) in January 2011. Noises from our surrounding environment, bodies and machines are algorithmically morphed with the chant of a female, extracted from Karlheinz Essl's composition Sequitur IX for mezzo soprano and live-electronics.


A camera walk through the exhibtion...
Recorded by Karlheinz Essl on 10 Jan 2011


The ultimate IP Capsule by Guido Kucsko
Sound enviroment: Karlheinz Essl



Die Installation DOUBLE COATED IP CAPSULE ist vielschichtig und raumgreifend. Sie erzählt die Geschichte der symbiotischen Organismen eines Hotels, entwickelt daraus den Gedanken des „skip a rule“, der jeder kreativen und innovativen Leistung zugrunde liegt, und führt uns zu der Fragestellung der Grenzen physischer Gewahrsame zurück, die für den Bereich des Intellectual Property einer zweiten Schicht bedarf – des Schutzes durch Rechtsnormen (Urheber-, Marken-, Design- und Erfindungsschutz). Diese „zweite Schicht“ siedelt Kucsko in dem um den Tresorraum herum gebauten früheren „Kontrollgang“ an. Über den White Cube hinausgreifend wird so der Tresor mit seinen meterdicken Wänden, den alten Schließfächern und dem gesicherten, nur dem Wachpersonal zugänglichen Umgang zu einer in situ konzipierten Gesamtinstallation, eingebettet in das von Karlheinz Essl dazu geschaffene generative Klang-Environment PROPER TIES. In gewissem Sinne wird dem Tresor mit dieser Installation seine ursprüngliche Identität wiedergegeben. Er wird zum Readymade.

Karlheinz Essl, Guido Kucsko, Margit Zuckriegl & the Watchers of IP


Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog mit Beiträgen von Ingried BRUGGER, Margit ZUCKRIEGL, Florian STEININGER, Erwin UHRMANN, Karlheinz ESSL, Günther LEISING, Christian HANDIG und Konrad Paul LIESSMANN – 80 Seiten, Verlag artquarterly.




Erwin Uhrmann
NOISE/VOICE
Montagen zu einem Gespräch mit Karlheinz Essl und seiner Klanginstallation Proper Ties

Aufbrechen der Blechgegenstände, hartes Klinken grauer Eisenstange, trifft glockenhell auf Beton. Vorbeigleiten von Wagen, Auf und Ab von Geredetem. Klare Wortstränge, tiefdicht in schreitender gewandeter Menge, die still schwätzt, wenn von oben gehört. Geschwätz verdickt und verdünnt, ohne abbrechen, wippt, schlendert, taucht ab. Einzellige Hammergeräusche zu sanftem Wummern. Zischendes Aufziehen und nach einem Klick Abschnellen.Fallen und spiraliges schneller Werden, eine Münze kreiselt im nach innen gewandten Raum, Rotation – Münze kippt. Im Zischen Aufziehen und klick – Abschnellen.
Heißer Tee, weiß, fließt in die breite, furchige Schale, trockenes Plitschen, die Tasse tackt auf die verglaste Oberfläche, ein Motor stirbt – entfernt – ab. Beim Zurücklehnen knarrt das Leder, beim Fuß-auf-den-Boden reibt der Schuh am Sesselfuß. Jemand schluckt glucksend wie ein Kamel. Schließgeräusch, die U-Bahn-Türen klappen zu. Unterbrechung. Die Schnalle wird mit Handschweiß genommen, heruntergelegt, Bewegung nach vorne, Tür geht auf, Tapete unterbrochen, Tapete kratzt am Fußboden, abgerissene Tapete. Jemand ist im Raum, dreht sich um wie Ludwig XIV, weil behäbig und mit zuviel Selbstbewusstsein, reißt ein Stück mit von der alten Tür, schleift jetzt am Schuh mit, dazu das Heizungsrohr, denn weil es kalt Jahreszeit ist ächzt unter heißem Wasser. Eine Stiege hinunter in das hintere Hotel, hintere Waschstraße, kalkig, überall klebt etwas am Geländer, Nasensekrete, in Wirklichkeit Speisereste, deren klappernde Muttergeschirre in der Maschine eingesperrt, Haare am Boden. Ein Fisch entgleitet in der Küche, die Teller stürzen, in Zeitlupe, einen Meter daneben fallen Rührstäbe auf (vom Flämmen am Wochenende) versengte Zehen. In den Fächern silberner Metallstellagen lagern mehr als 400 Handtücher ruhig in jeder Faser, platzend hoch singt der Wasserhahn in der Waschküche, kratzt das blaue danebengeschüttete Waschpulver auf Gummihandschuhen.
Beim Öffnen eines Fensters das einziehende „Hhhhhhhh“ und die Kühle der Nacht, das Brabbeln einzelner Vorbeigänger in klarem Blau, es regnet kurzen Guß, dann zischt eine Hydraulik, Dampf steigt auf, hoch, vermodert nachtwärts.
Weiter weg ist nichts, aber aus dem Dachgeschoß über das Dachfenster, draußen im Freien, sind noch Stimmen zu und offen zyklisch, brummende Busse, auffliegende Rauchschwaden, rennende Schreiende im Garten gegenüber. Dann zischt stimmgewandt der Wind und die Hörgrenze trennt die am Boden. Wind bremst, bleibt stehen, alles was zu Boden fällt erlebt blitzschnellen Zoom auf den Gehsteig. Durcheinander wird geredet, auf Restauranttischen unhöflich gelümmelt, einer bohrt im Ohr, die Kälte wird kratzig, die U-Bahn schließt synchron die Türen, ein Theatervorhang. Leise innen, außen neues Gruppenmurmeln. Wände weiter: die Waschmaschine im Keller wird befüllt, daneben donnert es in einem Rohr, eine Mauer trennt kaum Schall. Greift in das Skandieren von Grünweiß-Fans.
Tack, tack, tack, sagt die Zahnarzthelferin im Abendnottermin dem Gast, frische Füllung beißt auf Kontrollstreifen, fertig, Hotelfriseur taftet Dame ein mit klebrigem Zischen. Einem älteren Herrn mundet es, und er sagt zu lange „Ah“, dass sich alle umdrehen und mit Hemden und Blusen rascheln, ein Teenager lässt dabei seine Brille fallen und tritt beim Aufheben drauf; die knackt wie ein berstendes Schneckenhaus unter einem Wanderschuh. Weiße Handtücher liegen um den Schnarcher, der so früh schon schläft, der bis ins andere Zimmer klingt, er sabbert nicht gerne auf Polster, aber im Keller ruhelagern noch hunderte frische. Ein Kellner dreht das Licht ab im Speisesaal und geht nach hinten den Servierwagen holen. Seine Hose scheuert am Lenker, es raschelt, der Magen tuckert, seine Hände sind weich und knirschen am Griff.
Karlheinz Essl: Der Beginn war die Vorstellung zwei ganz konträre Klangwelten zu konstruieren, die antipodisch zueinander stehen. Einerseits eine komplexe geräuschhafte Klangwelt mit einem sehr breiten Geräuschspektrum und andererseits eine sehr enge Gegenwelt, die Welt der menschlichen Stimme, die sich in einem sehr schmalen Spektrum befindet, aber ein sehr hohes Ausdrucksniveau hat.

Erwin Uhrman: Kann sich die Stimme in dieser Geräuschwelt denn noch durchsetzen?

KHE: Es ist eine sehr interessante Dialektik, dass die Geräusche einerseits unheimlich komplex sind, aber in ihrer Komplexität weniger Ausdrucksmöglichkeiten haben als die menschliche Stimme, die sehr einfach und reduziert ist.

EU: Bis die Stimme kam bin ich durch die chaotischen Klangwelten immer weiter in eine Vogelperspektive hochgedriftet. Die Stimme selbst hat ein schauriges Gefühl erzeugt.

KHE: Für mich war die Stimme eher immer das Individuum, das authentisch ist.

EU: Sie hat eine klare Botschaft, und sie reißt heraus.

KHE: In der Komposition wird die Stimme nicht in der Zeitlichkeit, in der sie ursprünglich abgelaufen ist, wiedergegeben. Sie geht in Slow-Motion, oder bleibt auf der Stelle, kann sich auch rückwärts in der Zeit bewegen.

EU: Wenn die Klangräume ineinander greifen, dann ist es wie bei einer Waschmaschine, die vordringt ins Bewusstsein. Der Klang von Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Geschirrspülern hat auch eine beruhigende Wirkung. Warum ist das so?

KHE: Es hat drei Ursachen: das Vorhersehbare, das Repetitive und das Rauschen. Und das Rauschen hat eine psychoakustische Wirkung, weil es Töne aus der Umgebung maskiert.

EU: Ich habe versucht, Klänge wiederzuerkennen, denn die einzelnen Klangwelten kehren ja wieder.

KHE: Der Komposition liegen unterschiedliche Klangräume zu Grunde, aber es gibt immer wieder neue Übergänge, weil ein Programm die einzelnen Bestandteile permanent neu abmischt.

EU: Die Übergänge verändern also alles und arbeiten gegen meine Logik der Wiedererkennung.

KHE: Die Übergänge erzeugen Zwischensituationen, die immer wieder neu interpretiert werden müssen.

EU: Das bringt uns zur Tapetentür, wo man einfach verschwinden und auftauchen kann. Der Bundespräsident hat so eine Tür, dort kann er verschwinden, ohne dass es unhöflich ist und auch wieder auftauchen.

KHE: Das klingt nun nach Deus ex Machina.

EU: Die schönste Tapetentür gibt es im Schloss Miramare in Triest, dort führt die Tapetentür vom ehelichen Schlafgemach in die Kapelle. Das ist geheimnisvoll und bedrohlich. Die Stimme ist genau so, sie kommt über die Hintertür, sie schleicht sich immer ein und aus.

KHE: Das Geräuschmaterial, das ich verwende, ist uns vertraut, weil wir es von der eigenen Körperlichkeit kennen. Diese basale Ebene ist verbunden mit Rhythmus, Energie, Bewegung. Die Stimme ist frei von Schwerkraft. Kommt sie, ist es wie eine Überraschung, wie ein Geist schwebt sie. Die Stimme ist etwas Transzendentes, eine Welt, die wir nicht kennen.

in: Kucsko. Double Coated IP Capsule. Exhibition catalogue (Art Quarterly Edition: Wien 2010), p. 30-31. - ISBN: 978-3-9502841-3-3


Karlheinz Essl & Guido Kucsko

Karlheinz Essl & Guido Kucsko
Photo: © 2010 by Maurizio Maier



English translation of the interview

Karlheinz Essl: In the beginning it was my idea to construct two completely contrasting sound worlds that relate antipodally to each other. On one hand a complex world with a broad spectrum of noises, and on the other hand a narrow sound domain consis- ting entirely of a female voice, which is still extremely expressive.

Erwin Uhrman: Can the voice still manage to assert itself in this world of noises?

KHE: It seems to me that noises are obviously quite com- plex, but have less expressive potential than the human voice which is quite simple and reduced. An interesting dialectic, indeed.

EU: Until I heard the voice, I was drifting ever onward through the chaotic sound worlds way up high from a bird’s-eye view. The voice itself gave me a feeling of dread.

KHE: To me, the voice was always the individual who strives to be authentic.

EU: It has a clear message, and it grabs you.

KHE: In my composition the voice is not rendered in the same time frame in which it originally was created. It moves in slow motion, or remains in place, but can also travel backwards in time.

EU: Whenever these sound spaces intertwine, it’s like a washing machine that penetrates through to our aware- ness. The sounds of washing machines, dryers and dish washers also have a soothing effect. Why is that?

KHE: There are three reasons: the predictability, the repetitiveness and the humming. The latter creates a psychoacoustic effect as it masks sounds from the environment.

EU: I have tried to recognize sounds, because the indivi- dual sound worlds reappear.

KHE: The composition is based on various underlying sound spaces, but there are new transitions that occur repeatedly, due to a computer program that continually remixes the individual components.

EU: In other words, the transitions change everything and counteract my logical process of recognition.

KHE: The transitions create interim situations that must continually be reinterpreted.

EU: This brings us to the wall-papered door, where you can simple disappear and reappear. The Austrian pre- sident has a door like that where he can disappear and reappear without being impolite.

KHE: That actually sounds like „deus ex machina“.

EU: The most beautiful wallpapered door is in the Mira- mare Castle in Trieste; there the wallpapered door leads from the conjugal bedroom to the chapel. It is both mys- terious and menacing. The voice is the same; it comes in through the backdoor, always creeping in and out.

KHE: The noise materials I used are familiar to us, because we recognize them from our own bodies. This basal level is connected with rhythm, energy, movement. The voice, however, is free of gravitational forces. When it emerges, it appears like a surprise, floating along like a ghost. The human voice is something transcendental, a world we are not familiar with.



The making of...

Karlheinz Essl explaining the composition method used in his sound environment Proper Ties
Hooge School voor de Kunsten - Faculteit Kunst, Media & Technologie (Hilversum, 9 Dec 2010)


Video documentation by CastYourArt


Students interacting with Karlheinz Essl's generative sound environment Proper Ties Proper Ties
Pomona College, Faculty of Music (Claremont, 2 Feb 2011)




Listen


Proper Ties (2010)
a 10 minutes excerpt

Download mp3 (10:41, 10.3 MB)



CD

CD label Proper Ties



Copyrights

Images: © 2010 by Guido Kucsko
Sound: © 2010 by Karlheinz Essl
Text: © 2010 by Erwin Uhrmannn



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Updated: 24 Oct 2012