Karlheinz Essl

Portrait KHE

Partikel-Bewegungen

graphically notated music mobile for wind instruments, voices or church organ
1991 ff.


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Im Herbst 1991 habe ich Harald Naegeli (der Ende der 70er Jahre als anonymer "Sprayer von Zürich" mit Kunst im öffentlichen Raum Aufsehen erregt hatte) mehr oder weniger zufällig in Wien kennengelernt. Er zeigte mir seine neuesten Werke, die er "Partikelzeichnungen" nannte und deren Zartheit und Vielschichtigkeit mich unmittelbar in ihren Bann zogen. Im Unterschied zu Naegelis spontanen und in höchster Eile produzierten gestischen Sprayfiguren entstehen diese Arbeiten in einem langwierigen Reifungsprozeß: mit einer winzigen Stahlfeder setzt er feine Punkte und Striche gegeneinander, aus denen in einem chaotischen Prozeß der Selbstorganisation allmählich organische Strukturen heranwachsen, deren Verlauf keinem äußerlichen Kalkül unterliegt.

In diesen Zeichnungen erkannte ich viele Gemeinsamkeiten mit meinem kompositorischen Denken, und Naegeli ging es wohl ebenso mit meiner Musik, denn er schlug mir unvermittelt ein Gemeinschaftsprojekt vor. So entstand während monatelanger intensiver Diskussionen das Konzept zu einer Performance-Serie, die wir Partikel-Bewegungen nannten und zwischen 1992 und 1993 in Wien, Darmstadt, Düsseldorf und Zürich realisierten.

In dieser Performance durchdringen sich Bild und Musik in einem permeablen Beziehungsgefüge, das transparent und offen ist für das Eindringen des jeweils Anderen. Zentral ist hier die Idee des Partikels: das kleinste Teilchen, aus dem heraus alles entsteht, das seinen spezifischen Sinn sich aber erst im Zuge der Selbstorganisation herausbildet. Eine experimentelle Versuchsanordnung, die vieles verspricht, aber nichts garantiert.

Ein aus riesigen, hochkant gestellten Glasplatten aufgerichtetes Raumkreuz bildete dabei den Aktionsraum des Spraykünstlers, der von drei Musikern (Flöte, Baßklarinette und Saxophon) flankiert wurde. In Reaktion auf meine Musik sprühte nun Harald Naegeli Farbpartikel auf die Glasflächen, während die Musiker ihrerseits Klangpartikel in den Raum schickten, die sich miteinander vernetzten und dadurch komplexe Klangorganismen generierten.


Ausschnitt aus einer der drei Instrumentalstimmen
Dauer: ca. 20"


Die Musik versteht sich als Reflexion auf Naegelis "Partikelzeichnungen". Es gibt in diesem Stück keine Partitur, die einen reproduzierbaren zeitlichen Verlauf festschreibt; die Musiker spielen aus von einander unabhängigen, nicht-synchronisierten Einzelstimmen. Erst durch das bewußte Reagieren auf die Klänge der anderen Instrumente entsteht - unter Berücksichtigung genauer Spielregeln - im Moment der Aufführung die Komposition. Und ebenso wie Naegeli mit an sich bedeutungsfreien "neutralen" Zeichen operiert, habe ich ein Repertoire von Partikel-Klängen entwickelt, die in ihrer reduziertesten Form von den drei Geräuschen abgeleitet sind, die eine Spraydose zu produzieren imstande ist: der kurze Punkt, der lange Strich und schließlich das rhythmische Klackern der im Inneren der Dose befindlichen Kugel. So verwandeln sich die Blasinstrumente gleichermaßen in riesige Spraydosen, die keine Farb-, sondern Klangpartikel versprühen.

Nach Abschluß der Performance-Serie im Februar 1993 arbeitete ich zwei konzertante Versionen der Musik aus (die ohne Sprayaktion gespielt werden können), wobei die Fassung für Saxophonquartett heute seine Uraufführung erlebt.

© 1994 by Karlheinz Essl

Programmheft-Text anläßlich der Uraufführung der Saxophonquartett-Fassung am 4.4.1994 im "CulturCentrum Wolkenstein" (Stainach/OÖ) durch das Ensemble XASAX (Paris).


Fassung für Orgel

Gespinste ähnlicher Art, aber graphisch notiert, entwickelte der Cerha-Schüler Karlheinz Essl (geb. 1960) aus dem Zusammenwirken mit Harald Naegeli, der als »Sprayer von Zürich« mit Kunst im öffentlichen Raum Aufsehen erregt hatte. Es entstand eine computergenerierte Notationsweise, mit der er Naegelis spontan, in höchster Eile produzierte Sprayfiguren als aufführungsfertige Partitur, genannt »Partikel-Bewegungen« für variable Instrumentalbesetzung, übersetzte. Als interaktives Spiel-Environment für Flöte, Tenorsaxophon und Bassklarinette gingen die »Partikel-Bewegungen« gekoppelt mit Naegelis Sprayaktion im April 1992 in der Wiener Galerie Theuretsbacher über die Bühne. Nach Ausarbeitung einer konzertanten Version für Saxophonquartett, 1994, diskutierte Essl die Perspektive einer organalen Ausführung mit Roman Summereder, der 1997 eine Version für die viermanualige Reda-Schuke-Orgel in der Petrikirche zu Mülheim/Ruhr beim Festival für Neue Orgelmusik realisierte.

Partikel-Bewegungen - Fassung für Orgel

Karlheinz Essls Partikel-Bewegungen
1994 eingerichtet für die Orgel von Roman Summereder


in: Roman Summereder: »Die Zukunft der Orgel« – Schönbergs Textfragment und 100 Jahre Österreichische Orgelmusik. Festschrift 100 Jahre Kirchenmusikstudium in Wien 1910 - 2010, hrsg. vom Institut für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, Wien 2010.


Roman Summereder performing the organ version of Partikel-Bewegungen
Vienna, Jesuitenkirche (13 Oct 2011)


Karlheinz Essl lernte Harald Naegeli - den "Sprayer von Zürich", der mit Kunst im öffentlichen Raum Aufsehen erregt hatte - 1991 kennen. In dessen Partikelzeichnungen, die als Reflex auf die in höchster Eile vollführten Spraydosenaktionen entstanden waren, erkannte Essl Gemeinsamkeiten mit eigenen kompositorischen Intentionen. Dies führte zur Niederschrift der Partikel-Bewegungen mit einer eigens konzipierten graphischen Notation und 1992/93 zu gemeinsamen Performances in Wien, Zürich, Düsseldorf und Darmstadt: Der an Glasplatten agierende Naegeli und die drei Musiker (Flöte, Bassklarinette, Saxophon) mit Essls Spielpartitur gelangten zu einem aktionistischen Beziehungsgefüge aus Bild und Klang. Im aufeinander reagierenden, teils-improvisatorischen Vollzug gerierten die Bild- und Klangpartikel ein vernetztes, komplexes, gleichwohl offenes Kunstwerk.

Nach Abschluss der Performance-Serie arbeitete Essl zwei konzertante Versionen aus, aufführbar ohne Spraydosenaktion. Die Saxophonquartett-Fassung erlebte Ihre Uraufführung 1994. Die Perspektive einer organalen Ausführung diskutierte Essl 1997 mit Roman Summereder, worasu eine Version extra für die Redka-Schuke-Orgel in der Petrikirche Mülheim/Ruhr (mit vier Manualen, extremen Klanggegensätzen und entfernten Obertonregistern) entstand; im Oktober 1997 wurde sie beim Festival Neuer Orgelmusik aufgeführt.

Aufgrund der völlig unterschiedlichen Klanggestalt der Orgel in der Wiener Jesuitenkirche (vorherrschende Grundtönigkeit, mechanische Registertraktur) ist die Mülheimer Ausarbeitung hier kaum reproduzierbar, es war also eine andere Ausdeutung der Essl'schen Notationsweise erforderlich. Entgegen den primären Intentionen des symphonischen Klangkonzepts, das diesem Instrument eignet, wird nicht auf heroisch-affirmativen Orgelklang abgezielt sondern eher auf die Brüchigkeit von Klängen am Rande des Erklingens.

Kirchenrektor Dr. Gustav Schörghofer SJ sei für den assoziativen Texthinweis aus dem 1. Buch der Könige "Elia am Berg Horeb" freundlichst gedankt: "Und siehe, der HErr wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HErrn her; der HErr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HErr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erbeben kam ein Feuer; aber der HErr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen."

in: Roman Summereder: Programmheftnotiz zu seinem Orgelabend Vier Stationen österreichischer Orgelmusik am 13. Oktober 2011 in der Wiener Jesuitenkirche.


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Updated: 14 Jan 2014