Karlheinz Essl

Portrait KHE

ALLgebrah. Eine Kopfwelt

sound & video performance for Adolf Wölfli with visuals by Michaela Grill
2001

Commissioned by the festival WIEN MODERN




"Allgebrah.
Alles was dem Menschlichen Auge sichtbar, oder unsichtbar ist:
Kann mittels fein gebildetem Menschensinn, guhtem Willen, Fleiss und
vorhandenem, geeigneten Matteriahl in Musik-Lieder-Text verwandelt werden
und zwar vom kleinsten bis zum grössten Gegenstand oder, Nichtgegenstand."


Adolf Wölfli



Ein rätselhafter Ort ist der sogenannte "Narrenturm" auf dem Gelände des alten Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Auch ohne die Besonderheiten seiner Geschichte und seiner Architektur im Detail zu kennen, geht von diesem Gebäude eine eigenartige Wirkung aus. Vordergründig mag diese Wirkung damit zusammenhängen, dass sein Inneres mit tausenden Präparaten menschlicher Körperteile angefüllt ist, die die Bestände des Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseums ausmachen. Doch ist die Anlage mit ihrer abweisenden, verfallenen Gefängnis-Fassade, ihren offenen Innenhöfen, engen Stiegenhäusern und kreisrunden Gängen allein schon von bedrückender Faszination. Seine Erbauer, so die Vermutung, hatten mit dem Gebäude mehr im Sinn, als das blosse Wegsperren psychischer Grenzgänger. Verborgene Zahlenproportionen alchemistisch-rosenkreuzerischer Prägung kamen bei der Konstruktion des Turmes zur Anwendung und sollten Transmutationsprozesse in Gang setzen, mithin die Heilung seiner Insassen beschleunigen.


Narrenturm Wien, Foto: © Karlheinz Essl Narrenturm Grundriss-Plan

Foto Narrenturm © 2000 by Karlheinz Essl


Dieses eigentümliche Gebilde bietet den Rahmen für das Projekt ALLgebrah. Eine Kopfwelt, und wir hätten dafür wohl keinen besseren finden können. Unsichtbare Fäden verbinden den Narrenturm - eine Kopfwelt für sich - mit dem Schaffen des Adolf Wölfli. Vieles an dessen Werk liegt im Dunkeln, entzieht sich dem Blick "vernünftiger" Betrachtung. Was beispielsweise mochte Wölfli unter "Allgebrah" verstanden haben, einer "Disziplin", in der sich der Schweizer Künstler in seinen späten Jahren als "Allgebratohrs" manisch betätigte? Tausende eng beschriebene Wort-, Zahlen- und Notenstränge geben Grund zu der Annahme, dass es sich dabei um die Papier gewordenen Operationen einer ganz individuellen Logik handelt - "Allgebrah" ist Musik, Liebe, Hass, Licht ... ein magisches Wort, eine Beschwörungsformel.


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Video animation by Michaela Grill


Im Zwielicht treffen sich Adolf Wölfli und der Narrenturm - öffnen einen Raum der Spekulation, der mit bewegten Bildern und Klängen gefüllt sein wird. Karlheinz Essl hat auf der Basis von bei der Konstruktion des Narrenturmes bedeutsamen Zahlen einen musikalischen Transmutationsprozess generiert, der sich zugleich auf die fünf Hauptteile von Wölflis Werk bezieht. Unmerklich schraubt sich das Stück ALLgebrah. Eine Kopfwelt von den noch nicht bis in die nicht mehr hörbaren Regionen von Klanglichkeit und durchläuft dabei fünf Zonen: "Rauschen" - "Laute" - "Sprache" - "Gesang" - "Musik". Ort dieser musikalischen Spiralreise ist der zweite (von fünf übereinanderliegenden) Kreisgängen des Turmes, in dem 28 regelmässig angeordnete Zellentüren räumliche Orientierung verunmöglichen. Eingefasst von diesem Klangring, sind die Innenhöfe des Narrenturmes der Ort des Bildes. Michaela Grill verwendet als Rohmaterial für ihre neue Video-Arbeit ALLgebrah. Eine Kopfwelt die Papierwelt von Adolf Wölfli selbst. Hier ist es die Linse der Kamera, die in die detailreiche Dichte der Wölflischen Bilder führt - im Handflug reisend über Zahlenmeere, Notenstädte und Bildflüsse. Auch diese sichtbare ALLgebrah strukturiert sich in Zahlenverhältnissen, die den Mauern des Narrenturmes und den Seiten Adolf Wölflis eingeschrieben sind.

Der Rest muss zunächst offen bleiben. Nur ein Eingang führt in das Gebäude - hat man das "geschlossene System Narrenturm" erst einmal betreten, gibt es kein Entkommen mehr.


© 2001 by Berno Polzer

Text für das Programmheft der Uraufführung im Narrenturm am 29.10.2001
aus: Almanach WIEN MODERN, hrsg. von Berno Polzer



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Updated: 11 Aug 2015