Karlheinz Essl

Portrait KHE


Nach viermal geht die Sonne auf

live-electronic sound track for a multimedia performance by David Wiltschek,
Christina Tsilidis, Hamidreza Tavakoli, Kamen Stoyanov and Caroline Heider
2004


Released 2007 on Karlheinz Essl's album SNDT®X




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  Uraufführung: Ur-UFO mit Bodenhaftung
VON ALMUTH SPIEGLER

Bei der GLOBArt Academy wird Donnerstagabend eine Multimedia Performance von Schülern der Meisterklasse Eva Schlegel mit Musik von Karlheinz Essl uraufgeführt.


Nichts weniger als "Das neue Bild vom Menschen" steht heuer auf dem Programm der "GLOBArt Academy" im Kloster Pernegg im Waldviertel. Und was wäre dieses ohne Kunst? Also beauftragte man fünf Studenten der Fotografie-Klasse von Eva Schlegel an der Akademie der bildenden Künste, eine Multimedia-Performance zu entwickeln.

Seit Frühjahr wird diskutiert, konzipiert und wieder verworfen. Denn zum schwierigen, weil plakativen Thema gesellte sich ein schwieriger Aufführungsort: eine Klosterkirche. Allgemeine Irritation unter David Wiltschek, Christina Tsilidis, Hamidreza Tavakoli, Kamen Stoyanov und Caroline Heider - der neue Mensch, gerade in der Kirche? Jetzt erst fiel der Gruppe auf, dass jeder von ihnen einen anderen Glauben hat - von buddhistisch, evangelisch, griechisch-orthodox bis muslimisch. Das aber nur am Rande. Erst einmal entschied man sich für die Fiktion.

Ausschnitte aus alten wie neuen Science-Fiction-Filmen und aus TV-Dokumentationen (Found Footage) schnitt man zu einem sich in Variationen wiederholenden 15-Minuten-Video zusammen. Eine Art Bilder-Steinbruch, aus dem dann live wieder etwas Neues entstehen soll. In mehreren Stationen werden Bilder von Außerirdischen und UFOs, von Klonen und von Zerstörung zu einer neuen Geschichte aneinander gereiht.

Alles beginnt mit dem berühmten Knochenwurf der Affen aus Stanley Kubrick's "Odyssee 2001". Und die Zeiger einer Uhr scheinen zwei Minuten vor Zwölf Uhr hängen geblieben. Von zwei verschmelzenden Zellen wird zu einer BBC-Doku über Zwillings-Forschungs geblendet, weiter geht es mit geklonten Menschenmassen über UFOs zum realen Schrecken der Atombombe. Dabei scheuten die Künstler nicht zurück vor Material von Leni Riefenstahl - "Wir haben einfach Bilder von marschierenden Menschen gebraucht" - und vor subtilem Witz wie dem Schnitt vom monumentalen UFO, das bei "Independence Day" New York verschattete, zur im Vergleich fast rührenden Landung eines Mini-Ur-Ufos aus dem 50er-Jahre-Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand". Alles in allem schaut die Gruppe aber eher durch eine negative Brille auf Zukunft beziehungsweise Vergangenheit. Das Problem des ideologisch besetzten Raumes versuchte man mit Neutralisierung zu lösen: Vor den Altar wurden vier Meter hohe Schichten aus transparentem Stoff gespannt, auf die projiziert wird.

Eine weitere sinnliche Ebene kommt von Karlheinz Essl. Er hat eigens dafür ein Instrument auf seinem Computer entwickelt, "eine Art Klanglabor, das meine Vorstellungswelt reflektiert", so der Komponist und Musiker. Auch er verwendet Found Footage, hat anonymes Klangmaterial aus der Kurzwelle "heruntergesampelt". Denn: "Den Bildern allein fehlt die Bodenhaftung, durch den Sound spricht man zur Seele".

© 2004 by Almuth Spiegler / DIE PRESSE




Visuals

David Wiltschek
Christina Tsilidis
Hamidreza Tavakoli
Kamen Stoyanov
Caroline Heider

Musik

Karlheinz Essl



Die Uraufführung dieser von GLOBArt in Auftrag gegebenen Multimedia-Performance fand am 26. August 2004 in der Klosterkirche Pernegg (A) statt, die Wiener Erstaufführung am 31. März 2005 im Hauptgebäude der DONAU Versicherung in Wien.


Karlheinz Essl performing live...   

Live-Performance am 31.03.2005 in der DONAU-Versicherungin Wien.



Das neue Bild vom Menschen

Almuth Spiegler im Gespräch mit Hamidreza Tavakoli, David Wiltschek und Karlheinz Essl


Wer anders als die Künstler könnten "Das neue Bild vom Menschen" zeichnen, könnte man sich denken. Doch gute Kunst will und darf heute keine Erwartungen mehr erfüllen, eher sie brechen und uns dadurch auf Trab halten. Und genau das passierte in der Klosterkirche Pernegg, wo die "GLOBArt Academy" ihre Such nach einem neuen Menschenbild begann. Im Auftrag von "GLOBArt" entwickelten eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen der Klasse Eva Schlegel an der Wiener Akademie der bildenden Künste gemeinsam mit dem Komponisten Karlheinz Essl eine Video/Sound-Performance: Sowohl Bilder wie auch Ton wurden live abgemischt, improvisiert. Das nicht vorherzusehende Ergebnis beunruhigte wohl stärker, als so mancher zugeben wollte. Ausschnitte aus alten Science-Fiction-Filmen, aus wissenschaftlichen Dokumentationen rasten in atemberaubenden Tempo über die in mehreren Schichten gespannten Leinwände. Da konnte es schon vorkommen, dass sich eine Armada von Gewehrläufen direkt ins Publikum richtete. Ein weitgehend negatives Zukunftsbild. Warum? Ein kurzes Gespräch mit den Künstlern Hamidreza Tavakoli, David Wiltschek und Karlheinz Essl.


Almuth Spiegler: Die Live-Performance wirkte sehr bedrohlich, fast aggressiv. Wie kam es zu dieser Spannung?

Hamidreza Tavakoli: Es sollte weniger aggressiv als kritisch sein. Das hat zum Abend gepasst. Es wurde so lange schön geredet davor - und dann kamen wir. Wir hatten unsere zehn Minuten. Und die haben wir auch genützt. Wir würden es heute nicht anders machen. Vor allem war ich fasziniert von Karlheinz Essl. Er hat uns begleitet, Schritt für Schritt. Die Musik hatte eine sehr große Wirkung auf die Videos.

Karlheinz Essl: Ihr habt gehört, was ich gespielt habe und ich habe gesehen, welche Bilder ihr projiziert habt. Es gab den Kontakt über den jeweils anderen Sinn, wir haben improvisiert.

Tavakoli: Der Anfang und das Ende waren geplant. Es beginnt mit dem Paradies, mit dem Licht und hört auch mit Licht wieder auf. Das war doch etwas Positives! Dazwischen wurde das Paradies wieder abgefackelt. Aber bevor alles im Armageddon enden konnte, haben wir noch eine kleine Wende gemacht - zum Schluss kam die Sonne.

David Wiltschek: In Wirklichkeit war alles nicht brutaler als ein Durchlauf durch die Fernsehprogramme.

Spiegler: Wie wichtig war der Ort der Aufführung, eine Kirche? War das ein Problem? Eine Herausforderung?

Essl: Also inhaltlich nicht, eher architektonisch. Das mittelalterliche Bauwerk wurde schlecht barockisiert und dann noch unglaublich kitschig restauriert. Deswegen war ich froh, dass ihr die Screens aufgebaut habt zumindest.

Spiegler: Das Thema Religion war gar kein Thema? Ihr seid ja erst während der Arbeit draufgekommen, dass Ihr alle unterschiedlichen Religionen angehört...

Wiltschek: Nein, das war kein Thema.

Spiegler: Andere Frage also. "Das neue Bild vom Menschen" - wie geht man an so eine im Grunde anmaßende Aufgabe heran?

Essl: Ich wollte mit meiner Musik vor allem einen Raum schaffen, in dem die Bilder eine Bodenhaftung bekommen. Ich wollte eine passende Klangwelt erzeugen.

Spiegler: Einen Soundtrack?

Essl: Na ja. Ein Soundtrack ist im Normalfall die Begleitung, die eine bestimmte Stimmung erzeugt. Ein guter Soundtrack fällt nicht auf. Meine Musik beansprucht schon etwas mehr zu sein. Sie sollte auch ohne die Bilder funktionieren.

Spiegler: Haben Sie denn ein Bild vom "neuen Menschen"?

Essl: Nur ein sehr skeptisches. Dieser Begriff ist immer wieder missbraucht worden. Und es ist so hypothetisch, was es sein kann.

Tavakoli: Das ist nicht festzumachen. Jede Gesellschaft, jedes Land, jede Regierung versucht das Bild des Menschen zu formen. Sei es medial, politisch, psychologisch oder mit Gewalt, mit Diktatur. Ich glaube, dass wir unsere Gesellschaft vergewaltigen, manipulieren. Mit Gentechnik etwa.

Spiegler: Eure Bestandsaufnahme zum neuen Menschen gibt wenig Hoffnung. Wo bleibt da die Utopie in der Kunst?

Essl: Das ist eine positivistische Haltung aus den 70er Jahren. Das Suchen nach Utopien hat einen unglaublichen Bart! Da bin ich ein gebranntes Kind. Ich reagiere auf das, was da ist. Ich reagiere intuitiv. Aber ich verschreibe mich keiner Utopie. Das wäre eine Täuschung in einer Welt, die so komplex ist, so zersplittert ist - wo will man hier eine Utopie finden? Das kann nichts anderes sein als eine Lebenslüge.

Wiltschek: Man sollte sich mit dem beschäftigen, was jetzt ist.

Spiegler: Kaut man dann nicht nur immer das Altbekannte wieder?

Essl: Quatsch. Wir wollen Menschen zusammenbringen, berühren. Es ist meine Aufgabe als Künstler, Wahrnehmungswelten zu erzeugen, die den Menschen andere Möglichkeiten zeigen.


Dieses von Almuth Spiegler geleitete Gespräch fand am 24.01.2005 im Studio von Karlheinz Essl in der Sammlung Essl, Klosterneuburg statt.


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Updated: 16 Jul 2014