Karlheinz Essl

à la recherche de la voix perdue

music theatre for 4 instrumentalists, live-electronics, tape and light installation
2002



Der Atem dunkelblau, die Sprache gelbgrün (Christian Schelling)
Pilotprojekt zum Forum Neues Musiktheater: Uraufführung von Karlheinz Essl im Kammertheater
in: Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart 17.06.2002

"A la recherche de la voix perdue" des Wiener Komponisten Karlheinz Essl ist nicht nur die Suche nach einer neuen theatralischen Sprache zeitgenössischer Musik; die Komposition, die jetzt im Kammertheater uraufgeführt wurde, ist auch Teil eines Pilotprojektes im Rahmen des Forums Neues Musiktheater der Staatsoper Stuttgart.

Damit ist sie auch Teil des Suche nach einem Musiktheater des 21. Jahrhunderts, die sich diese neue Institution zur Aufgabe gemacht hat. Das Konzept ist inhaltlich zukunftsweisend, denn es führt folgerichtig die Sparten zusammen, die ohnehin schon Schwerpunkte der Kulturlandschaft Stuttgarts bilden.

Essls Komposition ist fast eine Versuchsanleitung für diese Bestrebungen. Ihr liegt eine klare und einfache Konzeption zu Grunde: Fünf Musiker improvisieren in fünf von der Stimme abgeleiteten Klangtypen, deren zeitliche Organisation durch farbige Scheinwerfer (Atem: dunkelblau, Sprache: gelbgrün, ...) synchronisiert wird. Die Gesamtkonstruktion des Stückes ist so gestaltet, dass die Einsätze gestaffelt beginnen und am Ende synchron zusammenlaufen, wobei dieser Vorgang mittels einer geometrischen [Zeit]Reihe generiert wird.

Hier zeigen sich schon die Vor- und Nachteile eines solchen, relative mechanistischen Entwurfs. So klar wie der Verlauf des Stückes erkennbar wird, so mangelt es ihm an seiner linearen Vorhersehbarkeit an musikalischer Dramaturgie.

Interessant hingegen war die Erkenntnis, dass der mitlaufende Computer mittlerweile die gleiche spieltechnische Flexibilität besitzt wie unser traditionelles Instrumentarium. Mit unaufdringlicher Präzision mischten sich die elektronischen Klänge mit den akustisch hervorgebrachten. Allerdings schienen die improvisatorischen Mittel am Ende erschöpft.

Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob allein die farbliche Markierung einer musikalischen Struktur oder die physikalische Hervorbringung eines Tones schon Musiktheater ist - oder ob sich die Gleichung "Sprache gleich Theater" einfach so übertragen lässt in "musikalische Sprache gleich Musiktheater". Wäre dann nicht jede Form des musikalischen Dialogs Musiktheater?

Auf jedem Fall aber wird nach diesem anregenden Abend klar, dass die Suche weitergehen muss. Und wenn die institutionellen Möglichkeiten dafür geschaffen sind, wird sicher mancher Komponist motiviert, in Zukunft noch einiges zu finden.



A la rechere de la voix perdue (Martina Klein)
in: Sendung des SWR4 Radio Stuttgart

"A la recherche de la voix perdue" ist ein Stück für Posaune, Akkordeon, Violoncello, Percussion und Computer. Karlheinz Essl ist der Komponist des Werkes - oder besser: er hat es konzipiert, hat Abläufe geschrieben, die Lichtregie bestimmt (die den jeweiligen Musiker in Aktion in ein bläuliches oder rötliches Licht taucht), hat mit den Musikern bei den Proben die wichtigsten Einsätze abgesprochen und sitzt jetzt auf der dunklen und leeren Bühne zwischen ihnen. Sein Kopf nickt in einem nicht immer leicht erkennbaren Takt, sein Blick ist auf den Laptop vor ihm gerichtet und seine Hände bedienen die Regler am Pult daneben.

Karlheinz Essl: "Ich spiele ein eigenes Instrument, das nennt sich m@ze°2 und basiert auf einem Laptop mit verschiedenen daran angeschlossenen Steuergeräten und einer Software, die ich selbst entwickelt habe."

Karlheinz Essl ist einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet der computer-gestützten Kompositionstechniken. Neben der Arbeit an eigenen Kompositionen unterrichtet er als Dozent am SAMT, dem Studio for Advanced Music und Media Technology der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Dieses Institut und mit ihm Karlheinz Essl ist einer der ausgewählten Kooperationspartner für das Stuttgarter "Forum Neues Musiktheater". Und ein Stück Musiktheater nennt auch Karlheinz Essl seine "Suche nach der verlorenen Stimme".

Karlheinz Essl: "Angesichts der Möglichkeiten der Neuen Medien ist es sicher nicht mehr die klassische Oper des 18. und 19. Jahrhunderts, sondern eine neue Art des Gesamtkunstwerkes mit einem sehr starken Fokus auf Musik. Aber ich denke mir, dass auch andere Medien wie Bild, Video und Licht sehr starke Bedeutung gewinnen werden."



Mit der falschen Erwartung? (Jürgen Hartmann)
Karlheinz Essl und seine "Recherche de la voix perdue"
in: Stuttgarter Zeitung, Stuttgart 18.06.2002

Fünf Musiker im Dämmerlicht, das Publikum im Dunkel - es scheint, als könnte das vom Komponisten im Programmzettel gegebene Versprechen einer "szenischen Aktion" eingelöst werden. Wer allerdings dem Titel der Uraufführung und der Einordnung in das "Forum Neues Musiktheater" der Staatsoper gemäß ein wie auch immer geartetes Bühnenwerk erwartet hatte, sah sich von Karlheinz Essl und seiner "Recherche de la voix perdue" in die Irre geführt. Dass die einzelnen Musiker in verschiedenfarbigem Licht agieren, kann man nicht ernsthaft als Theater bezeichnen, und das "physische Hervorbringen von Klang", mit dem der Komponist argumentiert, ist auch bei jedem konventionellen Konzert zu erleben.

Vielleicht war diese enttäuschte Erwartung die Ursache des nur höflichen Applauses des handverlesenen Publikums im Kammertheater, einschließlich eines einsamen Buhrufers. Das ist schade, denn als musikalisches Angebot im Spannungsfeld zwischen Komposition und Improvisation verdient das Stück des 1960 geborenen Österreichers erhöhte Aufmerksamkeit. Posaune, Cello, Akkordeon und Schlagwerk kombiniert Essl mit selbst betätigter Live-Elektronik und Bandeinspielungen. Vorgegeben ist nur, wer wann zum Einsatz kommt. Die eigentliche musikalische Aktion wird innerhalb dieses Rahmens improvisiert. Zwischen den beteiligten Musikern entstand auf diese Weise ein durchaus abwechslungsreiches Kontinuum, in dem sich unabhängiges Fließen und erkennbare Strukturen vermischten. Die äußere Gliederung des 72-minütigen Stücks beruht dabei auf den Vorgaben des Komponisten, dessen Bandeinspielungen die "voix perdue", die verlorene menschliche Stimme, immer deutlicher in den Ablauf integrieren und durch dieses dem Hörer leicht zugängliche Element vor allem in den letzten zwanzig Minuten auch der Gefahr der Ermüdung begegnen.

Den Musikern ist die Handhabung ihrer Instrumente freigestellt, was einerseits unendliche Freiheiten bietet, andererseits auch einen spezifischen Leistungsdruck erzeugt. Der spektakuläre Effekt drängt die konventionelle Spielweise in den Hintergrund. Dass jedes Instrument letztlich als Schlagzeug gebraucht werden kann, dass man in eine Posaune sprechen und mit Abwaschbürste und Emailleschüssel Geräusche erzeugen kann, das ist zwar sehens- und hörenswert. Die Vereinzelung solcher Effekte birgt aber auch die Gefahr, dass sie die beabsichtigte Struktur unkenntlich macht. Essls "Recherche" entfaltet auf diese Weise echten Erlebnischarakter - und lässt die Frage nach musikalischer Entgrenzung und Emanzipation von der Form weiterhin offen.



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Updated: 20 Aug 2017