Karlheinz Essl

©RUDE

Reviews on the CD release


Karlheinz Essl: CD ©crude



Karlheinz Essl - ©RUDE (Marie-Therese Rudolph)
in: jazz-zeit (Vienna, June 2001)

©RUDE - ein unaussprechlicher CD-Titel? Er lässt sich auf zwei Arten lesen: crude (roh) oder rude (unhöflich, unverschämt), und weist damit schon auf die Besonderheit der neuen CD von Karlheinz Essl hin, übrigens seiner ersten mit elektronischen Werken: Die sieben Stücke sind "unbearbeitet", also allesamt Live-Aufnahmen ohne jede technische Nachbearbeitung - ein Zugeständnis an die Spontaneität und unmittelbare Wirkung von Live-Musik. Der Komponist Karlheinz Essl beschäftigt sich schon seit langem mit computererzeugten Klängen, seine Vergangenheit als Jazz-Kontrabassist brachte ihn dann folgerichtig zur Improvisation am Laptop. Aus dem hat er sich ein nach seinen eigenen musikalischen Bedürfnissen auf den Leib programmiertes "Meta-Instrument" gemacht, das er m@ze°2 (Modular Algorithmic Zound Environment) nennt: In seinem Powerbook sind an die 1000 Klänge gespeichert, auf die Essl beliebig zugreifen kann, die er durch vorgefertigte kompositorische Modelle verändern und auch strukturell generieren kann.

Auf ©RUDE sind sowohl Solo-, als auch Duo- und Trio-Stücke vereint. Die atmosphärische Bandbreite der einzelnen Tracks reicht von rhythmischen Grooves bis zu knisternden Zirpspiralen, die selbst ein vereinzeltes metallisches Klicken zu einem Ereignis werden lassen. Gemeinsam ist den bis zu einer Viertelstunde langen Nummern ein sicheres Gefühl für Spannungsbögen. Essl spielt bewusst mit dem Auf- und Abbau der Klangdichte, gibt minutenlangen Crescendi ihren Raum und gleitet dabei nie ins Plakative ab. Immer wieder tauchen menschliche Stimmen in ihren unterschiedlichsten Ausformungen auf: buddhistische Männergesänge, englischsprechende Fernsehansagerinnnen oder verzerrte Science-Fiction-Computerstimmen.

Zu Essls Improvisationspartnern zählt etwa der Stimmkünstler und Posaunist Bertl Mütter, mit dem "Voice Tracking" entstand. Starke rhythmische Akzente dominieren die symbiotischen Klänge, von denen sich kaum mehr sagen lässt, wer sie erzeugt hat.

Mit Boris Hauf am Saxophon und Martin Siewert an E-Gitarre und Elektronik entstand "at the edge" in der Rotunde der Sammlung Essl. Dieser schneckenförmige Raum hat mit seiner unberechenbaren akustischen Wirkung eine eigene Funktion erhalten. Auch in diesem Track kommt ein rhythmischer Grundpuls durch, der als drängender Motor funktioniert.

©RUDE kann im positiven Sinne als "roh" bezeichnet werden: Es geht hier nicht um technisch aufpolierte Computermusik, sondern um sinnliche Lust an Klängen, an Musik. Eine CD, der man anhört, dass m@ze°2 für Karlheinz Essl zu einem "echten" Instrument geworden ist!



Neue Flugbahnen: Karlheinz Essl (Wolfgang Gratzer)
in: Salzburger Nachrichten (Salzburg, 21 Jun 2001)

Metallene, füllige, zuerst langsam drehende Klangflächen geraten mehr und mehr in Bewegung, schrauben sich nach oben, um nach wenigen Minuten in himmlischen Höhen zu verschwinden: "Stille.Macht", (innen-) politisches Statement eines Besuches, den Karlheinz Essl Anfang dieses Jahres dem im Wiener Künstlerhaus abstattete. Essl hat in den letzten Jahren zur Improvisation zurückgefunden, sich ein Computerinstrument gebastelt (m@ze°2), eine Art digitaler Klanghangar, in dem sich trefflich akustische Flieger basteln lassen. Einmal in Richtung Bertl Mütter, Boris S. Hauf und Martin Siewert unterwegs, begeben sich die Gefährte auf immer neue Bahnen: Reisen in eine Welt ohne Schwerkraft.



Karlheinz Essl - ©RUDE (Alfred Pranzl)
in: SKUG - Journal für Musik 47/01 (Vienna, August 2001)

m@ze°2, abgeleitet von "Modular Algorithmic Zound Environment", nennt der österreichische Komponist / Musiker Karlheinz Essl sein (Keyboard)Instrument, das in ein Apple Powerbook integriert ist und auf MAX/MSP-Software basiert. Damit kann Essl nicht nur neue, unerhörte Klänge abrufen, sondern auch improvisieren. So enthält ©RUDE Solostücke, die spontane Reaktionen auf die Umgebung / Erlebtes sind. Und "Prank", entstanden im Kornhaus Basel in Reaktion auf die Show :digital brainstorming, ist eine merklich brutale Angelegenheit, in der Glas elektroakustisch zu Bruch geht. Aber auch Durchdachtes wie "Stille, Macht", Essls Beitrag zum Künstlerhaus-Diskurs zur schwarz-blauen Rechtsregierung, besticht durch eine konzentrierte Ballung an räudigen Sounds. Solo und in Kollaborationen mit österreichischen Musikern wie Posaunist/Vokalist Bertl Mütter scheint es Essl vor allem darum zu gehen, spiralförmige Klänge zu erzeugen. "At the Edge", eingespielt mit Martin Siewert und Boris Hauf, ist so ein Kreisel, in dem sich die Klänge allmählich verdichten, nahezu explodieren, und dann bedächtig ausfaden.



Karlheinz Essl - ©RUDE (Carsten Fastner)
in: FALTER - Stadtzeitung für Wien, 36/2001

Kaum jemand im Elektronik-Wunderland Österreich hat die Entwicklung des Laptop zum vollwertigen Musikinstrument für sich so weit und konsequent verfolgt wie Karlheinz Essl. Als Komponist, der als Schüler von Friedrich Cerha aus der klassischen Avantgarde-Bewegung kommt, hat sich Essl "am Schreibtisch im Elfenbeinturm" ein feines Gespür für Struktur, Gliederung und Form erarbeitet, in die er auch seine freien Computerimprovisationen gießt. Nun legt der Vierzigjährige seine erste rein elektronische (Live-)Platte vor, auf der er mit Partner wie Martin Siewert (guit, electronics), Boris Hauf (sax) oder Bertl Mütter (trb) nicht nur den Rechner, sondern auch die Ohren seines Publikums ordentlich rauschen lässt.



Karlheinz Essl - ©RUDE (Heinrich Deisl)
in: skug - online - 31.10.2001

Auf seiner ersten elektronischen Veröffentlichung hat Kompositeur/Improvisationsmusiker Essl sammelsurisch No-Overdub-Tracks zusammengestellt, die einen guten Überblick geben über das, was er seit 1999 bei diversen Live-Sessions alleine oder mit befreundeten Musikern gemacht hat. Seine »Stimme« ist das Computer-unterstützte m@ze°2-Programm, das seine experimentellen Jazz-Entwürfe eine Stufe weiter ins Abstrakte schraubt und sich perfekt in die Elektronik / Impro-Szenerie wienerscher Prägung einfügt. Zusammen mit Boris Hauf wurde »Unchained« in Klosterneuburg eingespielt. Mit Martin Siewert zum Trio erweitert, findet sich in dem Track »At The Edge« von 1999 eine Ansammlung an Ein- und Ausdrücken fulminant reduzierter Jazz-Improvisations-Expression. Essl lässt den Computer zwar werkeln, verleiht ihm aber keine »eigene« Stimme; so nach dem Motto: und jetzt die Elektronik. Sie fügt sich zu den anderen Instrumenten Bass, Gitarre, Stimme/ Posaune (Bertl Mütter) und Saxophon hinzu, bildet das Fundament, mäandert, kreist ständig um sich selbst und die anderen Instrumente. Als Draufgabe gibt es zu dem Track »Chained« ein Quicktime-Movie aus dem Konzert in Klosterneuburg.



Karlheinz Essl - ©RUDE (Joel Chadabe)
in: CDeMusic - Jan 2002

Karlheinz Essl performs on a laptop computer that he has transformed into a live electronic musical instrument. The result is exciting and musical. You just won't hear these sounds anywhere else. He performs solo and in duets and trios, responding with sensitivity to fellow musicians, producing fascinating sound transformations, creating spontaneous surprises, and moving quickly from loops to cacophony to tiny clips of vocal sounds to all kinds of textures and ideas. He does all this with his m@ze°2 (Modular Algorithmic Zound Environment) performance software. His programming skills are impressive and he is also musically talented, all of which makes this CD a pleasure to hear.



CD-Rundschau (Stefan Drees)
in: Positionen. Beiträge zur Neuen Musik, Nr. 51 (Mai 2002)

(...) Klangreisen ganz anderer Art unternimmt der Komponist Karlheinz Essl mit seiner Eigenproduktion ©RUDE. Hier ist eine Reihe von Improvisationen versammelt, die er unter Anwendung des von ihm entwickelten, computergestützten Instrumentariums m@ze°2 solistisch oder in Zusammenarbeit mit anderen Musikern live eingespielt hat. Im Mittelpunkt dieser unterschiedlich ausgedehnten Klangszenen steht jeweils die Entfaltung komplex strukturierter Sound-Environments, die einerseits durchaus von Bekanntem durchdrungen scheinen, andrerseits jedoch auch in höchstem Maße neuartig wirken - am eindringlichsten wohl im Titel At the Edge (1999). Als Zugabe zu den sieben Audiotiteln enthält die CD die Improvisation Chained als Quicktime-Movie: Hier kann der Hörer zumindest einen kleinen Eindruck von den Aufführungssituationen bekommen, die zu den Klangergebnissen der Produktion führten und die Essl ansonsten in seinen Booklet-Notizen beschreibt. (...)



Karlheinz Essl: ©RUDE (Stefan Fricke)
in: Neue Zeitschrift für Musik, 4/2002 (Juli/August)

m@ze°2 nennt der Wiener Komponist Karlheinz Essl (geb. 1960) seine Instrumentenerfindung. Der kryptische Name ist ein Akronym für "Modular Algorithmic Zound Environment" und dahinter steckt eine speziell von Essl entwickelte Software, die auf einem Apple PowerBook läuft und die ihm ermöglicht, live-elektronisch spontan auf die Evokationen der an einer Performance beteiligten Musiker zu reagieren oder aber bei Soloautritten selbst ein gewaltiges Soundarsenal in den Äther zu schicken.

Auf seiner selbst produzierten CD ©RUDE - wohl ein lettristisches Wortspiel mit dem englischen crude = "roh, unbearbeitet, nackt" und dem internationalen Copyright-Symbol samt dem englischen rude = "unhöflich, unanständig" - versammelt Essl sieben Kompositionen aus dem Zeitraum 1999 bis 2001: Stille.Macht, Voice Tracking, Unchained, Prank, Glottis, REplay PLAYer und At the Edge. Alle diese Nummern, in denen der Performer/Komponist mit seinem System operiert, stammen aus Improvisationskonzerten mit - das Booklet gibt darüber nur wenig Aufschluss - mehr oder minder genau festgelegten Artikulations- und Aktionsverläufen. Und die setzen manches frei an Klang- und Strukturkombinationen, die zu entdecken durchaus lohnt, wenngleich man sich oft die visuelle Teilhabe am Geschehen wünscht. Weil das auch der Komponist und Produzent Karlheinz Essl weiß, dessen musikalische Arbeit ohnehin von visuellen Faktoren beeinflusst ist, hat er einen Track - Chained - auch als Quicktime-Movie auf CD brennen lassen. So kann der Hörer etwas von dem sehen, was er hörend nur vermutet.

Für die Freunde guter improvisierter Musik, die mehr als nur die bekannten Muster abnudelt, und die Freundinnen des akustischen HighTech ist Essls Compact-Disk zweifellos ein Muss. Für alle anderen ist sie ein Zeitdokument eines interessanten Wiener Komponisten, der versucht, sich außerhalb des Mainstream der gängigen aktuellen Strömungen zu platzieren.



Karlheinz Essl: ©RUDE (Andreas Felber)
in: Concerto, April/Mai 2003

An der Wiener Musikuniversität bei Friedrich Cerha und Dieter Kaufmann kompositorisch ausgebildet, hat Karlheinz Essl in den letzten Jahren durch die Beschäftigung mit elektronischer Musik zur Improvisation (zurück) gefunden. Wobei der 42-jährige bewusst zwischen Verpackung und Inhalt unterscheidet: Nicht der Laptop ist sein Instrument, sondern die auf ihm angewandte, selbst entwickelte Software m@ze°2, die ihm Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit im improvisatorischen Prozess ermöglicht. Auf ©RUDE stellt Essl dieses maßgeschneiderte digitale Klangwerkzeug in rhapsodischen Klanglandschaften vor: Vibrierende Soundskulpturen, die sich unwiderstehlich in flirrende Höhen emporschrauben ("Stille.Macht"), durch den Fleischwolf gedrehte Fragmente einer Punkrock-Band ("Prank") oder das assoziative Spiel mit Sprache im Spannungsfeld von sonischer Materialhaftigkeit und semantischem Gehalt ("REplay PLAYer") sind da zu hören.

Am spannendsten wird es freilich, wenn Essl seine üppige Sound-Vielfalt mit denen anderer Improvisatoren konfrontiert: Den kapriziösen Pseudo-Obertongesängen Bertl Mütters ("Voice Tracking") etwa oder insbesondere den abstrakten, reduktionistischen Strukturen Boris Haufs und Martin Siewerts. In "At the Edge" steigert man sich zu dritt in spannungsvoller Interaktion zu einer Klimax von infernalischer Lautstärke. Die man selten so gern ertragen hat.



Improvisatorische Live-Elektronik (Falk Lenn)
in: Moderne Klangkunst Magazin für elektronische Musik und Lyrik (Mar 2004)

Die in den acht live improvisierten Stücken dieses Albums verwendete Soundsoftware wurde eigens von Karlheinz Essl aus Wien entwickelt und nennt sich Modular Algorithmic Zound Environment m@ze°2, mittels derer sich Essl seine Idee von Musik verwirklicht, eine Musik, "die sich im Moment ihres Erklingens selber komponiert, die nicht einfach die Wiedergabe eines vorgefertigten Textes ist, die auf äußere Einflüsse reagieren kann, die sich zeitlich unbegrenzt ausdehnen kann und die sich niemals wiederholt". Er greift hierfür auf einen stetig wachsenden Fundus aus gesampelten Klängen zurück, die er mit Tastatur, Maus, Fußpedal und einem MIDI-Controler mit neun Schiebe- und neun Drehreglern bearbeitet, verfremdet und kombiniert. Hinzu kommt die Interaktion mit weiteren Live-Musikern in einigen der 8 Werke, so etwa in „Voice Tracking“, in welchem Bertl Mütter teils schrille und durchaus komische, abgedrehte Töne singt wie auch gebetshafte hymnische Fragmente im Dialog mit seinem Posaunenspiel, die begleitet werden von rhythmisch leise treibenden Stimmfetzen. In „At the Edge“, ein orgiastisch bis ins Unermessliche anschwellendes Klangspektakel, entlockt Boris S. Hauf seinem Saxophon Schluchzen, Weinen, Gemecker und Gebrüll und Martin Siewert zupft, zerrt und zerhackstückelt nervös seine arme E-Gitarre. Der Schwerpunkt allerdings liegt immer auf den vielfältigen experimentellen, sich kontinuierlich in ihrer Spannung aufladenden Klangfarben aus Essls Laptop. Alles in allem ein sehr hörenswertes, phantasievolles Stück Improvisationskunst mit herrlich ausgeprägtem Hang zur Groteske.



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Updated: 12 Mar 2008