Sabine Riker

Vom Kinderzimmer in die Konzertsäle

Immer mehr Musiker entdecken ihre Vorliebe für das Spielzeugklavier des Göppingers Albert Schoenhut
2018


KHE-Roessle_3

Wer auf dem Toy Piano spielen will, muss sich klein machen
wie auf diesem Bild der Komponist Karlheinz Essl
© 2011 by Markus Rössle


Für den Göppinger Auswanderer Albert Schoenhut ist der amerikanische Traum wahr geworden. Mit seiner Spielwarenfabrik hat er es Ende des 19. Jahrhunderts zum Millionär gebracht. Heute ist die A. Schoenhut Company Geschichte. Nur ein Produkt des rührigen Schwaben, der sich mit nur 17 Jahren in den USA ein neues Leben aufbaute, hat überlebt: das Toy Piano, ein Spielzeugklavier. Ursprünglich sollte es das Interesse von Kindern an Musik wecken. Und wie es der Zufall so will, hat sich ausgerechnet ein Komponist und Klangkünstler aus der Göppinger Partnerstadt Klosterneuburg in Österreich am intensivsten mit dem Toy Piano beschäftigt. Karlheinz Essl schrieb viele Stücke für Kinderklaviere. Wie vielseitig dieses Instrument bei aller Beschränkung ist, stellt an diesem Samstag eine Nacht der Toy Pianos im Haus Illig in Göppingen unter Beweis.

Liebe auf das erste Hören war es nicht. Karlheinz Essl, Jahrgang 1960, konnte dem Toy Piano zunächst nicht viel abgewinnen. Dann aber faszinierten ihn die „glockenähnlichen, gamelanartigen Klänge“. Das Instrument habe etwas Frisches, fast schon Unschuldiges, sagte er einmal. Schließlich willigte er ein, für die österreichische Pianistin Isabel Ettenauer, die an diesem Wochenende auch in Göppingen gastiert, ein Stück zu schreiben.

Um dem Instrument auf „die Schliche“ zu kommen, borgte sich Essl von Isabel Ettenauer ein Schoenhut Baby Grand aus. Dieses Kinderklavier ist mit seinen drei Oktaven das größte, die kleinsten haben gerade mal anderthalb Oktaven. Mit einem richtigen Klavier und dessen siebeneinhalb Oktaven hat es, abgesehen von der Klaviatur, nicht viel gemein. „Dieses Instrument hat mit dem Klavier gar nichts zu tun“, sagt Karlheinz Essl. Drücke man eine Taste, schlage der Hammer nicht auf eine Stahlsaite, sondern auf einen Metallstab. Dabei sei es völlig egal, ob er die Taste kurz oder lang halte, der Ton sei immer der gleiche, weil es keine Dämpfung gebe.

Diese Begrenztheit des Toy Pianos hat für Karlheinz Essl eine faszinierende Kehrseite: die Freiheit, ein Stück zu schreiben, ohne die große Tradition der Klaviermusik im Hinterkopf. „Wenn ich ein herkömmliches Klavier anschlage, höre ich sofort den ganzen Bach, den Beethoven, den Mozart, den Schönberg, den Stockhausen.“

Neun große Werke hat der Klosterneuburger Komponist inzwischen für das Toy Piano geschrieben. Häufig verwendet er auch Elektronik. Der „kleine Klang“ des Spielzeugklaviers werde durch die Verstärkung und den Einsatz von Live-Elektronik fast zu etwas Orchestralem, erläutert er. Fertig scheint der österreichische Klangkünstler mit dem Toy Piano noch lange nicht zu sein, denn offenbar ist seine Experimentierfreude mit jeder Komposition größer geworden.

cover

Cover der CD whatever shall be (2013) von Karlheinz Essl und Isabel Ettenauer


Karlheinz Essl ist nicht der erste Komponist, der sich mit dem Toy Piano beschäftigt. Der Vorreiter war der Amerikaner John Cage, einer der einflussreichsten Avantgarde-Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er schrieb im Jahr 1948 die erste ernsthafte Komposition für das Spielzeugklavier, die Suite for Toy Piano. Dann wurde es in den Konzertsälen still um das Kinderklavier, bis es der Düsseldorfer Pianist Bernd Wiesemann (1938–2015) in den 1970er Jahren wieder entdeckte. Mittlerweile sei das Toy Piano aus der avantgardistischen E-Musik nicht mehr wegzudenken, wie der Musikjournalist Christoph Wagner feststellt, der am Samstag in Göppingen durch das Programm führt. Aber auch Popstars, wie Tom Waits oder Björk, und Jazzmusiker bedienen sich dieses Instruments.

© 2018 by Stuttgarter Zeitung / Sabine Riker


in: Stuttgarter Zeitung, 24./25. Februar 2018



Home Works Sounds Bibliography Concerts


Updated: 2 Mar 2018

Web
Analytics