Ingomar Rainer & Karlheinz Essl

Portrait KHE

Mulier fortis

Neuinterpretation eines barocken Jesuitenspiels
mit zeitgenössischen Interventionen

2019


Japan und Österreich

2019 feiern wir 150 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Japan und Österreich. Eineinhalb Jahrhunderte einer wechselvollen Geschichte, die eine völlige Veränderung des Begriffes eines österreichischen Staates ebenso wie einen Wandel vom „Entwicklungsland” Japan zu einer führenden Industrienation gebracht haben. Eines ist durch den stetigen Wandel hindurch geblieben: Die gegenseitige Achtung und Bewunderung der Kulturen und Traditionen, ganz besonders im Bereich der Musik. Japan hat sofort nach der Öffnung des Landes Kontakte zu Österreich geknüpft, um die westliche Musik kennen zu lernen. Umgekehrt haben sich Größen wie Johannes Brahms und später Eta Harich-Schneider intensiv für die traditionelle japanische Musik interessiert. Was ist also nahe liegender, als dieses große freundschaftliche Jubiläum mit einer Musik zu begehen, die sowohl einen Bezug zu Japan als auch zu Österreich hat?

Im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts war Japan zwar ein exotisch-fremdes, aber keineswegs völlig unbekanntes Land. Es wurde von portugiesischen und spanischen Seefahrern erkundet und bald von jesuitischen Mönchen missioniert. Die innenpolitischen Probleme des japanischen Reiches um 1600 führten zu einer Verdrängung äußerer Einflüsse, Vertreibung von Fremden und der Unterdrückung ausländischer Ideen, schliesslich zur völligen Isolation. Eine Geschichte aus diesen Zeiten des Umbruchs und der konfessionellen Spannungen wollen wir mit unserer Neuinszenierung wieder in Erinnerung bringen. Eine Geschichte, die im Kyoto des 16. Jahrhunderts spielt und 1698 in Wien geschrieben und uraufgeführt wurde.


mulier-fortis-titel

Mulier fortis - Titelblatt des Erstdrucks
Wien 1698


Mulier fortis

„Mulier fortis” (Eine starke Frau) erinnert an die Leidensgeschichte der Gracia Hosokawa (1563–1600), einer hochadeligen, mit einem Feudalherrn verehelichten historischen Persönlichkeit. Unter dem Taufnamen Gracia (japanisch: Garasha) konvertierte sie zum Christentum, wurde aus politischen Motiven verfolgt und zur Selbsttötung durch Harakiri gezwungen. In dem vorliegenden Jesuitendrama wurde der Stoff aber in eine ganz bestimmte Richtung verändert: Gracia stirbt durch die Hand ihres gewalttätigen Ehemannes, weil sie die Verleugnung des neuen Glaubens standhaft verweigerte. Die so zur Märtyrerin gemachte Frau wird als Vorbild der Beständigkeit und Stärke gefeiert.

„Gratia, eine also in dem heiligen Tauff benannte Königin deß Reichs Tango in Japonien / Ehe=Gemahlin deß Königs Jacundoni, tratte in Abwesenheit ihres Ehe=Herrn zum Christenthumb / worinnen sie auch ihre 4. Reichs=Erben unterwisen hatte. Wird bey Zurückkehr Jacundoni auß dem Krieg / als eine Christin angegeben / übel empfangen / und mit Bedrohungen deß Todts zu unterschiedlichen mahlen / wiederumb zum Götzen=Opffer / aber umbsonst beruffen. Biß sie endlich / auch in Schlägen und Geißlung / vom Christlichen Glauben unbeweglich / mit viel Müheseeligkeiten / und Trangsaalen gebrochen / ihre standhaffte Seel Anno 1590. im Monath Augusto, dem Himmel überschicket. Nach ihrem Todt / triebe die Nachreue / und das nagende Gewissen den Wütterich Jacundonum in unterschiedliche Gemüths=Regungen / und machte auß dem Tyrannen / einen grossen Lobsprecher seiner verstorbenen Königin.


In vier oratorienhaften Zwischenspielen mit der Musik des Wiener Hofkomponisten Johann Bernhard Staudt (1654–1712) wird der Streit der Tugenden und Affekte (dargestellt als allegorische Figuren) in den schwierigen Situationen des Lebens dargestellt:

I. Prolog

Durch Furor (Zorn: Bass) und Crudelitas (Grimm: Tenor) wird die Säule als Emblem der Constantia (Beständigkeit: Bariton) in Bedrängnis gebracht und fällt um. Sogleich aber kommen auf den Hilferuf Constantias Inquies (Unruhe: Sopran) und Poenitas (Reue: Alt) herbei, verjagen die Dämonen und richten die Säule wieder auf.

II. Chorus Secundus

Constantia (dargestellt durch einen Mann, der eine Säule umschlungen hält) besingt in einer dreistrophigen Arie die Tugenden der Geduld, Ausdauer, inneren Stärke, Weisheit und Bescheidenheit.

III. Secundus Chorus

Die Dämonen des Furor (Zorn: Bass) und der Adversitas (Drangsal: Alt) wollen das Herz, Inbegriff der menschlichen Seele, auf die härteste Probe stellen. Es wird in das Feuer der alles verzehrenden Leidenschaften geworfen. Doch statt, wie erwartet, darin zu verbrennen, geht das Herz gekräftigt und strahlend daraus hervor. Constantia besingt das „starke Herz", das allen Belastungen standhält.

IV. Epilog

Praemium (Belohnung: Sopran) sucht nach einem beispielgebenden Menschen, der die Tugenden von Standhaftigkeit und Stärke vorgelebt hat. Man nennt berühmte Vorbilder aus der Geschichte des Abendlandes, aber dann auch die beispielhafte Gratia Hosokawa aus jüngster Zeit. Der Furor gibt sich besiegt und stimmt in das Lob der „starken Frau" mit ein. Ihr soll zur Belohnung und ewigen Erinnerung ein Denkmal errichtet werden.

Die Premiere am Wiener Jesuitenkolleg fand 1698 im Beisein der kaiserlichen Familie statt. Die Begriffe der Tugenden und moralischen Werte versucht man in barocke Bilder und Personen zu übersetzen. „Constantia et Fortitudine“, Beständigkeit und Stärke, sollten zum Wahlspruch des späteren Kaisers Karl VI. werden, der als Prinz die Uraufführung von „Mulier fortis“ erlebte.


constantia+fortitudine_melk

© 2019 by Karlheinz Essl


Neuinterpretation

Die erste Wiederaufführung fand nach mehr als 300 Jahren am 21. November 2019 in Kyoto statt mit Studierenden der Kyoto City University of the Arts und SängerInnen der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien unter der Leitung von Ingomar Rainer. Dabei handelt es sich nicht um historisches „re-enactment“, denn wir möchten Ideen und Assoziationen weiter spinnen, über die Zeiten und Kulturen hinweg. So wird die Performance mit einem Stück für das traditionelle Gagaku-Instrument Shō eröffnet, einer Musik, wie sie Gracia Hosokawa zu ihren Lebzeiten gehört haben mag.

Die Allegorie der Beständigkeit hat Karlheinz Essl hat zu dem instrumentalen Ensemblestück Constantia inspiriert. Der Ton „g“ – eine Anspielung auf den Vornamen der Garasha Hosokawa – durchzieht seine Komposition wie ein roter Faden, der allen Schwankungen und Fährnisse widersteht.


Constantia, performed by the Orchestra of the Kyoto City University of the Arts, conducted by Ingomar Rainer
Museum of Kyoto (21 Nov 2019)


Georg Muffats Concerto grosso „Cor vigilans“ (Das wachsame Herz) führt uns weiter durch die Welt barocker Bilder, Anspielungen und Allegorien.

Für die Wiener Aufführung am 26. März 2020 in der Hofburgkapelle komponieren Studierende von Karlheinz Essl elektroakustische Miniaturen, die in den dramaturgischen Ablauf eingeflochten werden. Dabei spielt auch das japanische Gagaku-Instrument Shō eine wichtige Rolle, neben Soundscapes, Computerklängen und einer durchkomponierten Schlussperformance.

So hoffen wir, damit ein wenig mehr zu bieten als ein typisches Konzert „alter Musik“: zumindest den Versuch einer wirklichen Aneignung unserer gemeinsamen Vergangenheiten und eine lebendige Auseinandersetzung mit der heutigen Zeit.



Home Works Sounds Bibliography Concerts


Updated: 27 Mar 2020

Web
Analytics