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Gertrud Schmutzer

Lexikon-Sonate von Karlheinz Essl

Eine interaktive Real Time - Komposition für computergesteuertes Klavier


Computer-Einsatz in der Musik ermöglicht "Gespenstisch-Kreatives": Die Lexikon-Sonate von Karlheinz Essl, ein Klavierkonzert, kommt "nicht aus der Dose": Sie wird auf einem garantiert echtem Bösendorfer Se Flügel gespielt. Dennoch - Konzertbesucher der öffentlichen Uraufführung der Lexikon-Sonate, die am 10. Februar 1994 von 22:15 bis 23:00 im Großen Sendesaal des ORF Wien stattfindet, werden vergeblich nach dem Pianisten Ausschau halten: an Stelle eines Pianisten, der einen vorgefertigten Notentext interpretiert, setzt Karlheinz Essl ein Computerprogramm ein, das dieses im Moment der Uraufführung spontan komponierte Stück (Real Time Composition) ohne Rücksicht auf irgendwelche spieltechnischen Einschränkungen auf dem computergesteuerten Flügel selbst spielt.

Auch optisch läßt der Vortrag der theoretisch unendlichen Lexikon-Sonate das Publikum erstaunen: die Klaviertasten bewegen sich und folgen dem Verlauf der Komposition wie von Geisterhand gespielt.

Die Lexikon-Sonatewird live im KUNSTRADIO übertragen. Während der Sendung können die Hörer durch Wählen einer bestimmten Telefonnummer das kompositorische Verhalten des Computers beeinflussen. Die Anrufer, bzw. Zuhörer erleben während der KUNSTRADIO-Live-Übertragung, wie sie selbst den musikalischen Ablauf ändern und mitgestalten.

Der Titel Lexikon-Sonate bezieht sich auf den Lexikon-Roman von Andreas Okopenko, der 1970 erschien. Ähnlich wie eine Enzyklopädie setzt sich das Buch aus alphabetisch geordneten Kapiteln zusammen. Jedes dieser Kapitel verweist in Form von Referenzpfeilen auf andere Kapitel, sodaß der Leser keinem linearen Text zu folgen hat, sondern sich die verschiedenen Fragmente des Romans nach eigenem Interesse und Gutdünken "herausklaubt" und zusammensetzt.

Die Struktur der Lexikon-Sonate ist ähmlich vernetzt und offen. Die Variations- und Gestaltungsmöglichkeiten sind unbegrenzt. Doch im Unterschied zum Roman enthält die Lexikon-Sonate keine vorgefertigten und ausformulierten Phrasen. Karlheinz Essl's Komposition ist nicht das Ergebnis einer Kombination von vorproduzierten Elementen, sondern der Interaktion von 24 verschiedenen Modulen. Jedes Modul generiert bestimmtes musikalisches Verhalten: "abstrahierte musikalische Gesten der Klaviermusik" nennt der Komponist diese Elemente. Er verwendet dafür historisches Material aus dem Fundus dieses Genres (von Johann Sebastian Bach über Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, sowie einige Zwölfton-Komponisten), analysiert es und setzt es neu zusammen, wobei auf einzelne Fragmente der Klavierkompositionen höchstens angespielt wird. Niemals werden sie als musikalische Zitate hörbar.


Karlheinz Essl über seine Komposition:

"Wie in einem Lexikon verweisen die verschiedenen musiksprachlichen "Module" durch unterschiedliche Grade von Verwandschaften strukturell aufeinander und bilden so ein Geflecht von Beziehungen und Differenzen. In einem kompositorischen Echtzeitprozeß entsteht so eine Musik, die auf ihre eigenen historischen Bezugspunkte verweist und überraschende Zusammenhänge zwischen ursprünglich voneinander abgeschotteten Musiksprachen herstellt."

Schließlich ist es der Hörer selbst, der dieses komplexe Beziehungsgefüge wie ein Labyrinth betritt und beim Hören seine eigene, persönliche Fassung komponiert. Beim Lesen eines Lexikons bleiben Erinnerungen an das zuvor Nachgeschlagene wirksam. Dementsprechend verändert sich die Musik der Lexikon-Sonate nicht sprunghaft. Sie bewahrt etwas von ihrer eigenen Erinnerung in sich auf, das sich in den weiteren musikalischen Verlauf einflicht."

© by Gertrud Schmutzer / KUNSTRADIO


Pressetext anläßlich der sog. Uraufführung der Lexikon-Sonate am 10. Februar 1994 im Großen Sendesaals des Österreichischen Rundfunks als interaktives Radiokonzert mit Live-Übertragung in der Sendung KUNSTRADIO - RADIOKUNST.



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Updated: 5 Oct 2014