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Die Musik der Unbefugten

Hermann Nitsch und Karlheinz Essl im Gespräch


Hermann Nitsch, bekannt, berühmt und oft angefeindet fühlt sich manchmal zerrissen. Da gibt es einerseits sein Gesamtwerk und dann gibt es auf der anderen Seite die einzelnen Elemente. Das aktionistische Element, das malerische Element und last but not least seine Musik! Er selbst bezeichnet sich als Autodidakt und seine Musik als Musik eines Unbefugten.

Karlheinz Essl, der Profimusiker mit der klassischen Ausbildung, der Revolutionär der elektronischen Musik, der Komponist und Kurator des diesjährigen Musikfestivals musik aktuell und nicht zuletzt Veranstalter zeitgenössischer Musikzyklen, hat sich mit der Musik von Hermann Nitsch auseinandergesetzt und wird das Ergebnis seiner Arbeit - die Klanginstallation Le mystère d'orgue - im Herbst 2003 bei einer großen Nitsch-Ausstellung in der Sammlung Essl präsentieren.

Concerto-Mitarbeiter Alfred Krondraf sprach mit Hermann Nitsch und Karlheinz Essl.


Welche Wirkung wollen sie mit Ihrer Musik erzielen?

Hermann Nitsch: Meine Musik ist immer Teil des Ganzen und untrennbar mit meinem Gesamtwerk verbunden. Als solches entfaltet die Musik auch ihre Wirkung am besten, obwohl sie auch allein bestehen kann. Ich spiele auch immer wieder bei meinen Ausstellungen, dann aber nur so rund zweistündige Werke und nicht die gesamten Kompositionen.

Karlheinz Essl: Bei der kommenden Nitsch-Retrospektive in der Sammlung Essl wird erstmals eine Ausstellung von Hermann Nitsch permanent mit Musik beschallt. Dadurch wird die Dramaturgie des Werkes erheblich gesteigert.

Hermann Nitsch: Obwohl natürlich erst alles langsam wachsen muss.

In welcher Form funktioniert diese Zusammenarbeit?

Hermann Nitsch: Ich kenne die Arbeit von Karlheinz Essl und habe sehr viel Vertrauen zu ihm – bin aber schon sehr neugierig und sehr gespannt auf das Ergebnis.

Karlheinz Essl: Ich habe speziell für diese Arbeit - sie trägt den Titel Le mystère d'orgue - ein neues Computerprogramm entwickelt. Als Basis für diese Klanginstallation dient Hermann Nitsch's Musik für das 6 Tages Spiels. Die Klänge, ausgewählte Samples, musikalischen Farbsplittern gleich werden zerbrochen und vom Computer neu zusammengesetzt. So entsteht eine Echtzeitkomposition, es ist music in progress.

Musik die sich selbst erfindet?

Karlheinz Essl: So könnte man es nennen, ich stelle nur das Mittel zum Zweck, das Computerprogramm zur Verfügung.

Hermann Nitsch: Ich bin schon sehr neugierig – aber ich habe vollstes Vertrauen.

Herr Essl, sie beziehen in ihren Kompositionen ja auch immer die Klang-Raum Situation mit ein. Wie kann eine derart sakrale Musik in einem Museum funktionieren?

Hermann Nitsch: Sakral ist ein richtiger Ausdruck. Historisch gesehen ist ja alles in den Kirchen entstanden. Ich sehe es natürlich konfessionslos, für mich ist „Kirche“ überall. Ob ich in einem Weingarten spazieren gehe oder in einem Museum bin ist nicht relevant. Die Mystik des Sakralen ist in allem und jedem und überall zu finden.

Karlheinz Essl: Aufgrund der Architektur der Sammlung Essl ist die Klang-Raum Situation gar nicht so verschieden zu sakralen Räumen. Die Töne und Geräusche wandern, werden gebrochen, oszillieren und schaffen dadurch einen Raum im Raum.

Hermann Nitsch: Anton Bruckner schaffte es mit seiner Musik auch immer dieses Element darzustellen. Richard Wagner und Anton Bruckner verehre ich sehr, ich empfinde ihre Musik als sehr meditativ und kontemplativ.

Eine Meditation der Ekstase im Gegensatz zur Meditation der Stille?

Hermann Nitsch: Ja. In der Ekstase liegt ja der Ursprung. Das Gewaltige, alles Übertönende ist die Quelle der Stille.

Schon vor Jahren postulierten sie ja mit der Forderung zum Durchbruch zum ekstatischen Vokalschrei die Überwindung der menschlichen Stimme in all ihren Ausdrucksformen.

Hermann Nitsch: Schon sehr früh habe ich in meinem Gesamtwerk die Stimme überwunden und ausgeschaltet. Für mich existiert die menschliche Stimme nur als Schrei und da die Musik in der Tragödie stattfindet setzt für mich die Musik da ein wo der Schrei verstummt.

Herr Essl, spielt die Stimme auch in ihren Kompositionen eine untergeordnete Rolle?

Karlheinz Essl: Nein keinesfalls. Ich arbeite immer wieder auch mit Stimmen und setze sie sehr gezielt, in all ihren Ausdrucksmöglichkeiten ein.

Wie reagieren sie in ihren Arbeiten auf die politische kulturelle und soziale Situation in der Welt?

Hermann Nitsch: In dem ich ja nichts inszeniere sondern in meinen Aktionen die Realität in all ihren Erscheinungsbildern in sehr komprimierter Form wiedergebe reflektiere ich natürlich auch die momentanen Situationen. Sowohl in aktionistischer als auch in musikalischer Form. Vom traditionellem Ländler, übrigens hervorragend beim 6 Tage Spiel im Schloss Prinzendorf interpretiert von zwei tschechischen Blasmusikkapellen, bis zur mächtigen, atonalen Orchesterexplosion ist ja alles vorhanden. Wobei auf grund der von mir entwickelten Notationstechnik den Ausübenden ja nahezu alle Freiheiten gelassen werden und die Musiker reagieren natürlich auch spontan auf die jeweilige Situation.

Karlheinz Essl: Meine Stücke müssen im Kopf entstehen, sie müssen sich quasi vorbilden. Ich entwickle keine Bilder, die Bilder müssen im Kopf des Zuhörers entstehen. Selbstverständlich reagiert heutzutage ein Komponist anders als im Barock oder im 19. Jahrhundert. Er ist nicht mehr der Haus- und Hofkomponist und schreibt keine affirmative Musik mehr die das Bürgertum in seiner Selbsteinschätzung bestätigt.

Ist das Bildungsbürgertum ein Feindbild für sie?

Karlheinz Essl: Nein, nicht das Bildungsbürgertum, aber der bildungsbürgliche Wertekanon. Die Musik, vor allem die zeitgenössische Musik, endet ja nicht mit Luigi Nono oder Hauer. Erst die Weiterentwicklung der musikalischen Formensprache unter Einbeziehung der Technik, die für mich nur Mittel zum Zweck ist, macht die Musik spannend. Die Lehre der „Reinen“ Musik betrachte ich als obsolet. Ich bin kein Purist! Musik kann schmutzig sein, die Musik muss vom Leben gezeichnet sein. Es gibt hier große Missverständnisse. Der bildungsbürgliche Ballast ist unnütz!

Hermann Nitsch: Musik ist ein exzessiver Prozess. Sie hat etwas Alchemistisches, es ist die Idee des Überganges, die dahinter steht. Der ewige Kreislauf Reinheit – Schmutz – Läuterung – Reinheit wird doch in der Musik dokumentiert. Musik muss auch dreckig sein, obwohl ich in meiner Musik auch immer die Schönheit und das Reine finde.

Karlheinz Essl: Nitsch, wo findest du Schönes in deiner Musik?

Hermann Nitsch: Vor allen in den ekstatischen Momenten, in denen das Orchester dröhnt und ich in der Einheit mit den Elementen aufgehe – in denen ich ein Teil des Ganzen werde!

in: CONCERTO 4/2003 - Österreichs Magazin für Jazz • Blues • World Music • Pop


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Updated: 18 Feb 2014