Zeitton-Sendung
Ö1: 12 Nov 2007
Karlheinz Essl: Mit 14 - in der wilden Zeit der Pubertät - ist eine Gitarre dahergekommen, von meinem Onkel, der mir eine alte Wandergitarre borgte. Darauf habe ich autodidaktisch herumgezupft und schließlich begonnen, mich für Rockmusik zu interessieren. Darauf habe ich mir eine E-Gitarre gekauft von einem in den Ferien sauer verdienten Geld. Daneben habe ich aber auch Bach gespielt, auf einer Konzertgitarre, ohne klassische Technik, in einem gewissen Freestyle, und habe in dieser Zeit eigentlich nur für die Musik gelebt.
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Karlheinz Essl: Es geht mir im Wesentlichen darum, einen Think Tank zu bilden, wo gemeinsames Wissen erzeugt und auch kommunziert wird. Dafür gibt es einen prominenten Vorgänger, der ein ähnliches Lehrkonzept verfolgt hat - nämlich Arnold Schönberg - der im Vorwort zu seiner Harmonielehre geschrieben hat: "Dieses Buch habe ich von meinen Schülern gelernt."
Meine Absicht ist es, den Studierenden die Augen zu öffnen für ihre eigenen Fähigkeiten, die in Ihnen schlummern, und eine Sensibilität zu wecken für Musik, die unverbraucht ist und noch nicht preformiert wurde von bestimmter Software, die einem die Industrie zur Verfügung stellt. Ich persönlich glaube, dass ein Komponist, der mit den elektronischen Medien arbeitet, sehr viel eigene Entwicklungsarbeit leisten muss. Komponieren heißt heute nicht nur Software zu bedienen, sondern diese letztlich auch zu erfinden.
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Karlheinz Essl: Was man hier hört: Eine Pianistin sitzt vor einem Spielzeugklavier und spielt eine Melodie, die sich ständig wiederholt. Und allmählich beginnt das Instrument, auseinanderzubrechen, aus den Fugen zu geraten; es zerbröselt ich förmlich und verdampft. Dies wird durch einen relativ einfachen Algorithmus bewirkt, der bereits bei den Alten Niederländern erfunden worden ist, indem zeitlich verschobene Kanonschichten komponiert werden.
Ausschnitt aus Kalimba (2005) für Toy Piano und CD-Zuspielung Isabel Ettenauer: Toy Piano Download mp3 (3:59, 1.8 MB) |
Auch im 2006 entstandenen inside/out für Flöte und Live-Elektronik spielt die Permutation und der Kanon entscheidende Rollen.
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Karlheinz Essl: Dieses Stück enstand in Zusammenarbeit mit der Flötistin Cordula Bösze, die eine eigene Spieltechnik auf der Flöte entwickelt hat, wo sie keine normalen Töne mit einer definierten Tonhöhe hervorbringt, sondern den ganzen Fundus der Geräusche auf der Flöte auslotet. Dafür habe ich nun ein Mehrkanal-Klangenvironment entwickelt, dass wiederum mit kanonischen Konzepten operiert, aber in ganz anderer Weise als bei dem zuvor gehörten Stück. Aus einem Klang, den die Flöte in mein System hineinspielt, wird ein riesiger Klangstrudel erzeugt den ich als Komponist und Mitspieler in diesem Stück in jede Richtung steuern und verändern kann.
Ausschnitt aus inside/out (2006) für Flöte und Live-Elektronik Cordula Bösze (Flöte) und Karlheinz Essl (Elektronik) Download mp3 (5:52, 4.5 MB) |
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Karlheinz Essl: Darüberhinaus habe ich noch ein zweites Duo, wieder mit einem Bläser, dem Tubisten Klaus Burger, der zur Zeit in Baden-Baden lebt. Diese Formation nennt sich ESSL.BURGER; im Unterschied zu inside/our ist unser Konzept freie Improvisation ohne Absprachen. Wir treffen uns eigentlich nur zu gemeinsamen Konzerten, machen einen Soundcheck, unternehmen danach etwas zusammen, uns kommen abends zum Konzert - und überraschen uns gegenseitig. Klaus Burger spielt neben der Tuba auch ein Cimbasso (eine Art Kontrabassposaune) und verschiedenste Gadgets wie eine große Meeresmuschel, die so angeschliffen ist, dass man sie wie eine Trompete anblasen kann.
Was ich mit dem Klaus oder anderen im Bereich dieser freien Improvisation unternehme, ist eine sehr erregte und sehr konzentrierte Form des Musizierens, die allerdings nur im Moment - also wieder in Echtzeit! - stattfindet. Wofür aber Vorbereitung nötig ist: Jeder perfektioniert sich auf seinem jeweiligen Instrument, verfeinert seine Ausdrucksweisen. Und beim Konzert trifft man sich dann, aufgeladen mit Freude, und dabei entsteht dann etwas, von dem wir nicht wissen, was es ist. |
Karlheinz Essl versucht in einem quasi alchemistischen Vorgang die beiden Musizierkonzepte Komposition und Improvisation miteinander zu verschmelzen. Sehr deutlich nachzuvollziehen ist dieses Bestreben in seinem seit 1999 komponierten more or less für computer-gesteuertes Ensemble und dem von ihm entwickelten elektronischen Musikinstrument m@ze°2. Zusatztitel: "computer-controlled realtime composition for ensemble and live-electronics.
Karlheinz Essl: Die Spielanweisungen bestehen aus einem Klangmodell - es gibt davon ingesamt fünf Stück - das verbal genau beschrieben wurde. Eines dieser Modell heißt "drone": Spiele eine lange Klang, der langsam an- und abschwillt, und wiederhole ihn so lange du magst." Das ist eine ganz einfache Spielvorschrift für dieser 5 verschiedenen Klangtypen. Und dazu gibt es einen zufallsgenerierten Dreizeiler - eine Art Random-Haiku - der einen Interpretationsvorschlag dazu liefert. Und dadurch, dass ich hier mit Zufallsoperationen arbeite, ergeben sich dabei oftmals sehr abstruse Texte, die eine Forderung in den Raum stellen, die einem immer wieder vor ein Rätsel stellen.
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Karlheinz Essl: Mein Freund Jack Hauser hat mich vor einigen Jahren angerufen und mir gesagt: "Weißt du, was passiert ist? Der Gitarrist von CAN - Michael Karoly - ist überraschend an Krebs gestorben. Wir müssen 'was für ihn tun." Und ich frag ihn: "Was können wir denn für ihn noch tun?" Darauf Jack: "Wir müssen Musik machen." "Aber wie?" "Genauso, wie wir früher in der Band gespielt haben." "Aber ich bin ja jetzt Komponist und spiele nicht mehr in einer Band!" Aber Jack meinte, wir sollten uns trotzdem etwas überlegen. |
Karlheinz Essl: Das hat sich zwar nach einer gewissen Zeit erschöpft, aber die Sehnsucht nach dieser Unmittelbarkeit ist geblieben. Ich habe für mich dann ein Stück erarbeitet namens Father Earth: Eine Reflexion und Kommentar zu einem Stück von CAN namens "Mother Sky"; also im Grunde eine Negativspiegelung. Mein Stück besteht im Wesentlichen aus Materialien, die ich aus dem CAN-Song herausdestilliert habe in Verbindung mit Klängen und Algorithmen, die ich dafür entwickelt habe. Das Ganze ist für auch wieder eine Art Landkarte, ein Klanggarten, in dem ich mich bewege - in einer unglaublichen Geschwindigkeit und Energie.
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Dies führt nun wieder dorthin zurück, wo ich einmal als Jugendlicher begonnen habe. Ein deutscher Romantiker - war es Hölderlin oder Novalis - hat gesagt, alles das, was man bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr wichtig und wert erachtet hat, muss man in seinem späteren erwachsenen Leben einlösen.
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Updated: 21 Nov 2007